Alternative zu aktiver Sterbehilfe: Zuwendung für eine alte Krebspatientin in einem Hospiz © Shaun Best/Reuters

Das bewegende Buch des Ehepaares Schneider, Wenn das Leid, das wir tragen, den Weg uns weißt. Leben und Glauben mit dem Tod eines geliebten Menschen von 2012, über den Tod ihrer an Leukämie erkrankten Tochter habe ich noch im Juni mit höchstem Respekt gelesen. Als Palliativmediziner, aber auch als Freund und Angehöriger habe ich schwierigste Sterbebegleitungen er- und durchleben müssen und dürfen. Ich weiß als Anästhesist, dass es medizinisch immer eine Lösung gibt, Leid zu lindern.

Nun lese ich das schonungslos offenen Gespräch des EKD-Ratsvorsitzenden in der ZEIT über das Krebsleiden seiner Frau und das ethisch-religiöse Dilemma, vor das ihn seine Liebe zu ihr stellt. Womit er in dem gemeinsamen Gespräch zur "Sterbehilfe" zitiert wird, zeigt eine tiefe, persönliche Verzweiflung. Sie kann jeden treffen, der nach wunderbar theoretischen Überlegungen in solch eine Situation kommt.

Leid kann das ertragbare Maß überschreiten. Das habe ich selbst mehrfach erlebt. Ich kann nicht sagen, wie ich in so einer Situation denken und reagieren würde. Ich kann mir nur wünschen, dass ich auch dann meinen Wertvorstellungen treu bleiben kann. Die Grundlage, auf der ich selber eine Entscheidung fälle, wird immer meine Moral sein müssen. Nur eine exzellente Palliativversorgung kann in schwierigsten Einzelfällen dabei helfen, nicht aus unnötiger Verzweiflung heraus die falsche Entscheidung zur falschen Zeit zu treffen.

Die Äußerungen des Ehepaars Schneider zeigen, dass hier offenbar noch ein erheblicher Bedarf besteht an Wissen um die heute schon bestehenden medizinischen Möglichkeiten der Begleitung in schwerster Not.

Das fängt schon mit den Begriffen an. Was ist mit "Sterbehilfe" gemeint? Beihilfe zur Selbsttötung oder Tötung auf Verlangen? Ich kann mir, auch aufgrund meiner eigenen Erfahrungen als Arzt, furchtbare Situationen vorstellen, in denen ich mir beides für mich selber wünschte oder auch bereit wäre, es für meine Frau, selbst für meine Kinder zu tun. Nur eben: Bei einer Krebserkrankung ist eine solche Situation extrem unwahrscheinlich.

In den Tod hinein schlafen

Für die Unwirksamkeit von Schmerzmitteln gilt dasselbe. Es wird sie nicht geben. Eine Schmerztherapie bei Krebs kann schwierig sein, sie kann Nebenwirkungen haben. Es kann sein, dass ich mit großer Erfahrung, nach intensiven Gesprächen und im Konsens des therapeutischen Teams mit der Familie einen leidenden Patienten so weit mit Medikamenten in den Schlaf bringe, dass er selber das Leiden nicht mehr empfindet. Dann kann er in den Tod hinein schlafen.

Zwischen "Schlafen lassen bis zum natürlichen Tod", ohne diesen Tod beschleunigt herbeizuführen, und der "Tötung auf Verlangen" oder "Beihilfe zur Selbsttötung" besteht jedoch ein gewaltig großer Unterschied. Er ist nicht nur quantitativ, sondern eindeutig qualitativ.

Deshalb plädiere ich dafür, ohne dass ich Andersdenkende jemals verurteilen würde, immer zu begleiten, immer beizustehen, immer Symptome zu lindern oder auf Wunsch auch auszuschalten, wenn das Leben sonst nicht mehr erträglich wird. Aber wir dürfen es nicht zulassen, ein Leben aktiv zu beenden.

Für mich ist dies ein vorrangiger Auftrag an unsere Gesellschaft, notwendiges hospizliches und palliatives Wissen weiterzugeben, Sicherheit zu vermitteln, fundiert aufzuklären und dadurch öffentliche Meinung (mit) zu bilden. Dafür setze ich mich als Vorsitzender der Deutschen PalliativStiftung mit meiner ganzen Kraft ein.