Mein Opa war einer von denen, die nie erzählt haben, was sie im Ersten Weltkrieg getan haben. Mein Vater konnte nie darüber reden, was er während der Vertreibung erlebte. Stecken ihre Gefühlserbschaften trotzdem in mir? Tun sie es gerade wegen der Sprachlosigkeit zweier Generationen?

Wie viel Erster Weltkrieg, mit anderen Worten, schleppen die Deutschen hundert Jahre später noch in ihrer Psyche mit sich herum?

Die für mich am nächsten liegende Expertin in dieser Frage ist, ich will es gerne offenlegen, meine Schwester. Sie beschäftigt sich als Psychoanalytikerin seit vielen Jahren mit dem Phänomen der Weitergabe von Lasten auf die nächste Generation. Was sie zu dem Thema erarbeitet hat, hat mir die Augen geöffnet. Deswegen, dies vorab, beruht diese Kolumne im Wesentlichen auf ihren Gedanken. Dafür ein familiärer Dank.

Es gibt eine Menge Bücher zum Thema. Die Bibel, zum Beispiel. Schon sie spricht interessanterweise von der transgenerationellen Übertragung von Traumata: "Der du die Missetat der Väter heimsuchest auf Kinder und Kindeskinder bis ins dritte und vierte Glied." (2. Mose 34:7)

Oder der grandiose Roman Die Mittagsfrau von Julia Franck. Die Schriftstellerin, Jahrgang 1970, schildert darin das Leben von Helene, einer zu Beginn des 20. Jahrhunderts geborenen Frau, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Der Titel des Buches geht auf eine Legende aus der Lausitz zurück: Eine weiße Frauengestalt erscheint Feldarbeiterinnen, die über die Mittagszeit arbeiten, und verhängt einen Fluch über sie. Nur wenn sie ihr eine volle Stunde lang davon erzählen, wie sie den Flachs verarbeitet haben, können sie dem Fluch entgehen.

Die Flachsverarbeitung als Lebensgewebe und das Erzählen darüber als Heilung – Geschichten, heißt das, können lebenswichtig sein. Über die Folgen des Nichterzählens schreibt Julia Franck auf ihrer Homepage: "Es gibt neben den Bildern, die wir als Kinder erzählt bekommen, auch die, die wir nicht erzählt bekommen und die trotzdem überliefert werden."

Aber wie geht das – Lasten zu übertragen, ohne sie zu benennen? Psychologen sprechen von "Telescoping", davon, dass sich die Erlebnisse von drei Generationen ineinanderschieben wie Zylinder eines Fernrohrs. Eltern projizierten ihre Geschichte in ihr Kind, und das Kind identifiziere sich mit dieser Geschichte, auf unbewusste und oft überfordernde Art. Ein Vater etwa, der während des Ersten Weltkriegs Grauen erlebt hat, Hilflosigkeit und Todesangst, kann diese Erfahrungen auf sein Kind weiterleiten, indem er Unsicherheit vorlebt, Wut, Engherzigkeit oder emotionale Distanz. Die folgende Generation, die der vierziger, fünfziger Jahre, war demnach von gleich zwei Weltkriegen geprägt, vom überlieferten Ersten und vom erlebten Zweiten. "Die Unbeschwertheit von Kindern passte nicht in eine Gesellschaft, auf der Kriegserlebnisse und Erfahrungen von Gefangenschaft, Vertreibung und Schuld lasteten", schreibt Sabine Bode in ihrem Buch Nachkriegskinder über diese Zeit.

Und die Nachkriegsenkel? Was ist in ihnen noch deponiert? Die Generation der heute 30- bis 50-Jährigen ist die erste, die willens und in der Lage ist, sich all diese Zusammenhänge bewusst zu machen, sie frei von gesellschaftlicher und politischer Tabuisierung zu erforschen. Filme wie Unsere Mütter, unsere Väter sind Teil dieses Versuches.

Wie viel Erster Weltkrieg noch in der deutschen Psyche steckt – wer weiß das? Immerhin, nach hundert Jahren fangen wir an, zu fragen. Jetzt noch nicht, aber vielleicht irgendwann könnten wir der Mittagsfrau eine Antwort geben.