Ihre Eltern kommen aus dem Iran, der Türkei oder aus Montenegro. Sie sind in Deutschland aufgewachsen, sie haben einen deutschen Pass. Doch Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund werden nicht einfach so als Deutsche wahrgenommen – das zeigen auch die Erlebnisse der beiden 15-jährigen Rapper Dzeko und Kamyar, von denen sie in Generation Sarrazin (Deutsch so wie Du) erzählen.

Die beiden sind Deutsche und begreifen sich als solche – und haben doch das Gefühl, dass andere das immer wieder hinterfragen. Es beginnt bei der Frage nach der "wirklichen" Herkunft und hört bei Sarrazins Thesen auf. In der Debatte um die vermeintlich mangelnde Integration von Einwanderern, ihren Kindern und Enkeln in Deutschland zeigen die beiden Rapper, dass selbst die angepasstesten und integrationswilligsten Kinder ein Problem haben, solange an ihren Namen oder ihrem Aussehen zu erkennen ist, dass ihre Familie nicht seit zehn Generationen in Deutschland lebt.

Das führt dazu, dass sie sich ausgegrenzt fühlen: "Wie sollen sich türkisch- oder arabischstämmige Jugendliche als Deutsche fühlen, wenn die deutschstämmigen Deutschen um sie herum es nicht tun?" fragt Süheyla Schroeder, die Leiterin des Berliner Ablegers der Istanbuler Bahçeşehir-Universität. Sie forscht dort unter anderem zu Migration und Identität.

Weltpremiere - Das Musikvideo "Generation Sarrazin" von Kamyar & Dzeko Kamyar & Dzeko aus Fulda sind 15 Jahre alt und wollen es Thilo Sarrazin zeigen. In ihrem Rapsong "Generation Sarrazin (Deutsch so wie Du)" widerlegen sie seine fremdenfeindlichen Argumente. Bei ZEIT ONLINE feiert ihr Video Weltpremiere.

Von der ethnischen Zugehörigkeit zur Staatsbürgerschaft

Wenn es um das Gefühl der Zugehörigkeit gehe, sei etwas viel bedeutender als kulturelle Unterschiede: Die rechtliche und historische Definition von nationaler Identität. Sie entscheidet darüber, wer als dazugehörig gesehen wird und wer nicht. In Deutschland war es über Jahrzehnte so: Die Staatsangehörigkeit wurde vererbt, wer Kind eines Deutschen war, war selbst deutsch. Wer einfach nur in Deutschland geboren wurde, nicht. Das galt bis zum Jahr 2000.

Kinder, die danach geboren wurden, sind nach dem neuen Staatsangehörigkeitsgesetz Deutsche, wenn ihre Eltern schon länger als acht Jahre im Land leben. Langsam wandelt sich also die Bedeutung von "deutsch" von einer ethnischen Zugehörigkeit hin zur Staatsbürgerschaft.

Doch laut Süheyla Schroeder geht das nur sehr schleppend voran und die alte tief verwurzelte Vorstellung, dass nur deutsch ist, wer auch deutsche Vorfahren hat, sei in Schulen, am Arbeitsplatz und auch sonst im Alltag präsent. 

Im Fall von Kamyar und Dzeko kommt noch eine zweite aufgeheizte Debatte dazu: Die beiden Rapper sind Muslime und die Öffentlichkeit tut sich immer noch schwer mit der Frage, ob der Islam nun zu Deutschland gehören soll oder nicht. Genauso widersprüchlich äußern sich Politiker, auch der frühere und der aktuelle Bundespräsident. Der Chefredakteur der Bild am Sonntag hat erst im vergangenen Monat unmissverständlich geschrieben, dass ihn der Islam "stört" und er ihn für ein "Integrationshindernis" hält. 

Hybride Identität als Vorteil

Unangefochtener Chefkritiker der angeblich integrationsunwilligen und kriminellen Muslime in Deutschland ist aber nach wie vor Thilo Sarrazin. Nicht ohne Grund beziehen sich Dzeko und Kamyar auf ihn und entkräften auch gleich eine seiner Thesen: Die der dummen Muslime – Kamyar besucht das Gymnasium und hat schon eine Klasse übersprungen.    

Auch die anderen Thesen, die Sarrazin anführt, und vor allem die Zahlen, mit denen er arbeitet, sind bereits von mehreren Seiten kritisiert und widerlegt worden. Die Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan hatte gemeinsam mit Kollegen 2010 eine Metastudie herausgegeben, die belegt, dass Muslime keineswegs so viele Straftaten begehen, wie Sarrazin behauptet, oder sich völlig von ihrer Umwelt abschotten. Foroutan leitet das Forschungsprojekt HEyMAT an der Humboldt-Universität Berlin, das "hybride Identitäten" von Muslimen in Europa untersucht.

Foroutan hat auch herausgefunden: Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund sind zwar genervt von Fragen wie "Und woher kommst du wirklich?", weil sie sich ausgegrenzt fühlen. Doch sie schaffen sich auch eine neue, ganz eigene Identität, indem sie die deutschen Alltagscodes, die sie von klein auf kennen, mit dem kombinieren, was ihnen aus dem Heimatland und der Religion ihrer Eltern übermittelt wird. Die Zugehörigkeit zu diesen beiden Kulturen muss für sie kein "Dazwischen" sein, sondern kann ein "Zusammen" werden, aus dem sie ein neues Selbstbewusstsein schöpfen.