Canfield Drive, die Straße, in der Michael Brown zwölf Tage zuvor erschossen wurde. David Stone sitzt auf einem Stuhl vor seiner Wohnung in Ferguson. Es ist heiß, kurz nach Mittag, sein T-Shirt hat er ausgezogen. Im Arm hält er seinen acht Monate alten Sohn, die zehnjährige Tochter hat sich vor der Hitze in die Wohnung geflüchtet. Seit knapp einem Jahr wohnt der 28-jährige Afroamerikaner mit seiner Familie in der Apartmentanlage. Schlafzimmer, Wohnzimmer, Küche, Bad, 475 Dollar. Die rund 20 Häuser in der Straße sehen alle gleich aus: cremefarbene Holzplanken, künstliche Steinfassaden, Flachdach, Holztreppen, die hoch zum zweiten und dritten Stock führen. Die bemühte Wohnlichkeit und die Billigbauweise erinnern an ein deutsches Studentendorf.

Einen Job hat Stone nicht, die Familie lebt vom Gehalt seiner Freundin, die im nahegelegenen Fastfood-Restaurant arbeitet. Seit dem Schulabschluss belegt er Kurse an der Phoenix University, einer gewinnorientierten Hochschule, die ihr Geld vor allem mit Onlinekursen für Studenten aus niedrigen Einkommensschichten macht – und in der Vergangenheit immer wieder ins Visier der Behörden geriet, weil sie Mitarbeiter drängte, möglichst viele Studenten mit anzuwerben, um Regierungsgelder zu kassieren.

Nur wenige Meter entfernt liegen Blumen, Plüschtiere, Baseballkappen und Luftballons auf dem Canfield Drive. Am Donnerstagabend ist die Straße geteilt von einem Rosenmeer, das sich über 20 Meter vor der Gedenkstätte erstreckt. Nachbarn, Bekannte und Fremde haben Briefe geschrieben, in denen sie ihr Mitgefühl ausdrücken. Davor stehen Kerzen und ein schwarzes Schild mit weißer Schrift: "Hands up, don’t shoot, 9. August 2014, RIP Michael Brown." Er habe geschlafen, als mittags die Schüsse fielen, erzählt David Stone.

Weiße sieht man hier kaum – wenn, dann sind es in diesen Tagen vor allem Reporter oder Polizisten auf Streife. Ferguson liegt in Missouris North County, einer Gegend, in der die Quote an Schwarzen vielerorts über 90 Prozent liegt. Die weiße Mittelschicht hat sich längst in andere Gemeinden zurückgezogen, ins nahe gelegene Chesterfield oder nach Downtown St. Louis. In einer Rangliste der Brown Universität, die die US-Städte mit den größten schwarzen Bevölkerungsanteilen und der stärksten Rassentrennung zeigt, belegt die Metropolregion den neunten Platz. "Die Rassentrennung ist hier noch immer sehr real", sagt Dennis Haymon, schwarzer Unternehmer aus St. Louis.

Pfandhäuser und Discounter statt Starbucks und Öko-Supermärkte

Die Region St. Louis ist aufgeteilt in rund 90 kleine Gemeinden, an denen sich soziale und wirtschaftliche Grenzen entlangziehen, deren Verlauf durch die Hautfarbe ihrer Bewohner bestimmt wird. Viele Bezirke können sich keine guten Schulen oder gut ausgebildete Polizisten leisten, weil die Steuereinnahmen gering sind und Geschäftsleute sich lieber anderswo niederlassen. Auch Ferguson, die kleine Arbeiterstadt im Osten, ist eine dieser Parzellen: Es gibt hier keinen Starbucks, keine Öko-Supermärkte. Stattdessen reihen sich Discounter, Pfandhäuser und Fastfoodketten aneinander. Das Durchschnittseinkommen liegt mit gut 37.000 Dollar um 10.000 Dollar unter dem Durchschnitt in Missouri.

Dass es soweit gekommen ist, hat seine Wurzeln tief in der amerikanischen Geschichte. Schon 1916 erließ St. Louis als erste Stadt im Land ein Gesetz, das es Schwarzen verbot, in Gegenden zu ziehen, in denen der weiße Bevölkerungsanteil bereits 75 Prozent betrug. Der Oberste Gerichtshof kippte das Gesetz ein Jahr später, doch die Blockaden blieben auf vielen Ebenen bestehen. Später unterstützten Kreditunternehmen den Trend, indem sie die schwarzen Gegenden als gefährlich einstuften. Hauseigentümer in den weißen Gegenden vermieteten nicht an Schwarze, Makler riskierten ihre Lizenz, wenn sie an sie verkauften.