Dieter Graumann, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zeigt sich besorgt über aktuelle antisemitische Vorfälle. "Das sind die schlimmsten Zeiten seit der Nazi-Ära", sagte er der britischen Tageszeitung The Guardian. Ausschreitungen auf den Straßen verstehe er nicht als Kritik an der israelischen Politik, sondern als "puren Hass gegen Juden". "Auf den Straßen hört man Dinge wie 'die Juden sollten vergast werden', 'die Juden sollten verbrannt werden'", sagte Graumann. Der Zentralratschef sieht dies jedoch nicht allein als deutsches Problem.

In den vergangenen Wochen haben sich weltweit mehrere antisemitische Vorfälle ereignet, so auch in Deutschland. In Wuppertal wurde nachts ein Molotowcocktail auf eine Synagoge geworfen. Auf propalästinensischen Kundgebungen gegen den israelischen Militäreinsatz im Gazastreifen waren in mehreren deutschen Städten judenfeindliche Sprechchöre gerufen worden.

Bereits vor drei Tagen forderte Graumann in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung mehr Solidarität von den Muslimen in Deutschland. So täten muslimische Verbände zum Beispiel zu wenig dagegen, dass etwa auf deutschen Schulhöfen das Wort "Jude" als Schimpfwort benutzt wird. "Wir Juden setzen uns immer für Muslime ein", sagte Graumann und führte als Beispiel den Einsatz des Zentralrats gegen die Bezeichnung "Döner-Morde" in der Berichterstattung zu den Taten des NSU an. "Unser Engagement darf doch keine Einbahnstraße sein", sagte Graumann. "In dieser besonderen Situation habe ich mir viel mehr von den muslimischen Vertretern erhofft."

Auch Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, sieht jüdische Mitbürger in Gefahr. In einem Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger riet sie vergangene Woche allen Juden in Deutschland, sich derzeit "nicht als Jude erkennbar zu machen". Das Risiko, Ziel eines Angriffs zu werden, sei sonst zu groß. Auch Knobloch zog einen Vergleich zur Nazi-Zeit: "Was wir derzeit erleben, ist die kummervollste und bedrohlichste Zeit seit 1945", sagte sie der Zeitung.