Drei Vorfälle aus acht Tagen, gefischt aus Regionalzeitungen und Randspalten: In Bielefeld brannten am Montag vergangener Woche in einer Moschee zwei Korane und ein Gebetsteppich. In der folgenden Nacht schlugen Flammen aus einem neuen Moschee-Anbau in Berlin Kreuzberg. 60 Feuerwehrleute brauchten eine Stunde, um die Flammen zu löschen. Es gibt keine Hinweise auf einen technischen Defekt. Am Dienstag dieser Woche nun, wieder in Bielefeld, stiegen die Täter am frühen Morgen durchs Fenster ein. Sie stapelten Bücher aufeinander, darunter mehrere Korane, und zündeten sie an. 

In keinem dieser Fälle ist bewiesen, dass es sich um eine sogenannte politische Straftat handelt. Dass die Brandanschläge also gegen die Religion als Ganzes gerichtet waren. Aber, seien wir ehrlich – ginge es nicht um Moscheen, sondern um Kirchen oder gar Synagogen, wäre der Aufschrei groß. Und zwar zu Recht: Gewalt aus Hass gegen Religionen ist deshalb besonders geächtet, weil sie nicht nur das unmittelbare Opfer verletzt, sondern alle, die dazu gehören. Wer einen Koran anzündet, trifft jeden, dem der Koran wichtig ist. "Gruppenbezogener Menschenhass" nennt die Soziologie das, es geht dabei nicht nur um Religionen, sondern auch um Gewalt gegen Obdachlose, Arme, Reiche, Linke, Ausländer, Deutsche. 

Doch bei keiner Gruppe nimmt die Öffentlichkeit in ihrer Mehrheit Angriffe so schulterzuckend hin, wie bei Muslimen. Das ist Ausdruck einer gefährlichen Kälte im Umgang und einer Distanz vieler Deutscher zu den Muslimen in diesem Land.

Der Schock der NSU-Morde

Als 2011 die NSU-Mordserie aufgedeckt wurde, löste das unter Muslimen in Deutschland einen Schock aus, der kaum zu überschätzen ist. Damals ist etwas zu Bruch gegangen, was noch lange nicht wieder geheilt ist. Für viele Muslime waren die Morde und das fragwürdige Versagen der deutschen Behörden der grausame Beweis für eine Gleichgültigkeit, die ihnen hierzulande entgegengebracht wird. Eine Ignoranz, die selten in Freundschaft, aber häufig in Argwohn und Verdächtigungen kippt. Das Verhältnis der meisten Deutschen zu Muslimen ist unterkühlt.

Es ist kalt geblieben trotz NSU. Das Magazin Cicero fragt auf seinem aktuellen Titel: "Ist der Islam böse?" Das angehängte Fragezeichen biegt den Satz gerade noch aus eben jener gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit in eine vermeintliche journalistische Neugier. Im Heftinneren muss dann die liberale Muslimin Lamya Kaddor Anwürfe abwehren, Islamismus und Islam seien ja doch irgendwie dasselbe. Eine Grenzverwischung, die mal eben jeden gläubigen Muslim zur potenziellen Bedrohung erklärt.

Und von wem man sich bedroht fühlt, für dessen brennende Gotteshäuser bringt man offenbar nur schwer Mitgefühl auf. Daran ändern auch bedrückende Zahlen wenig: Laut der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken-Abgeordneten Ulla Jelpke ist die Zahl der Übergriffe auf Moscheen zuletzt deutlich gestiegen. Von im Schnitt 22 jährlich zwischen 2001 und 2011 auf 35, beziehungsweise 36 in den Jahren 2012 und 2013. Diese Meldung wurde zwar auch von den großen Zeitungen gebracht, löste aber wenig aus. 

Wo ist das große "wir"?

Nach der Aufdeckung des NSU-Terrors erklärten Leitartikler und Politiker, nun müssten Christen und Muslime erst recht zusammenstehen, sie beschworen das große "wir" und verpflichteten damit auch die Muslime, sich trotz allem weiter mit diesem Land und genau den Institutionen zu identifizieren, die die Morde an Muslimen nicht verhindert hatten. Das war viel verlangt und ging mit dem manchmal ausgesprochenen, manchmal durch Gesten ausgedrückten Versprechen einher, Muslime in Deutschland endlich wirklich aufzunehmen, sie ganz zu umarmen. "Birlikte" hatten die Veranstalter ein großes deutsch-türkisches Fest vor Kurzem in der Kölner Keupstraße genannt, wo die NSU-Mörder 2004 eine Nagelbombe gezündet hatten, "Zusammenstehen".   

Wenn es ernst wird, stehen Muslime in Deutschland aber tatsächlich noch immer ziemlich allein da. Das gilt nicht unbedingt für die Anwohner und Lokalpolitiker, die sich wie in Berlin dazu setzten, als sich die Gemeinde vor ihrer ausgebrannten Moschee traf. Das war ein gutes Zeichen. Ein schlechtes Zeichen ist, dass diese Übergriffe weiter als Einzelfälle wahrgenommen werden und nicht als Ausdruck eines strukturellen Hasses auf Muslime. Auch im Jahr 2014 brennen die Moscheen im Stillen.