Ein altersschwacher Transporter mit französischem Kennzeichen hält auf der Mallinckrodtstraße in Dortmunds Nordstadt. Zwei Männer steigen aus, öffnen die Schiebetüren des Laderaums. Etwa zehn Kinder und mehrere Frauen verlassen den Wagen. Sie saßen oder lagen auf der Ladefläche – Sitze gibt es in dem Transporter nicht. Total erschöpft und hungrig steigen sie aus, machen sich über einen Imbiss her – ein Picknick mitten auf dem Mittelstreifen.

Das Trüppchen macht einen desorientierten Eindruck. So, als wüssten die Menschen nicht, wo sie gerade sind. Nach einer Stunde macht sich der Transporter wieder auf den Weg. Die Roma bleiben in der Nordstadt. Sie mischen sich unter ihre Landsleute, die hier zu Dutzenden auf den Straßen stehen und sitzen.

Dortmund gehört zu den Städten, die von der Armutszuwanderung aus Bulgarien und Rumänien besonders betroffen sind. Etwa 6.000 Menschen aus diesen Ländern sind derzeit offiziell in der Ruhrgebietsmetropole gemeldet – die große Mehrheit von ihnen sind Roma.

Für Dortmund und einige andere Kommunen entstehen dadurch erhebliche Kosten: Für die Gesundheitsversorgung der oft unversicherten Zuzügler, für die Heiz- und Wohnkosten im Rahmen von Hartz IV, für Sozialarbeiter, die die Neuankömmlinge beraten und Probleme mit den Einheimischen entschärfen sollen oder für spezielle Auffangklassen in den Schulen.

Die Bundesregierung bietet nun Hilfe an: Rund 275 Millionen Euro zusätzlich sollen die besonders betroffenen Städte erhalten, um der Probleme Herr zu werden. So steht es im Abschlussbericht eines Staatssekretärsausschusses, der sich seit Anfang des Jahres mit dem Thema befasst hat und den das Kabinett am Mittwoch verabschieden wird.

Für Dortmunds Sozialdezernentin Birgit Zoerner kann dies gleichwohl nur ein Anfang sein. Denn für sie steht fest: Ein Großteil der Menschen wird bleiben, solange sich die Situation in ihren Herkunftsländern nicht erheblich verbessert. Eine Alternative zur Integration gibt es nicht.

Doch wie integriert man mittellose Roma? Geht das überhaupt? Einer der damit Erfahrung hat, ist Mirza Demirović. Der Sozialarbeiter kümmert sich schwerpunktmäßig um Neuzuwanderer in der Nordstadt von Dortmund. Von jeher ist dies der Stadtteil des Ankommens. 55.000 Menschen leben hier: 43 Prozent haben einen ausländischen Pass, aber noch viel mehr einen Migrationshintergrund.

Gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen, die rumänisch, bulgarisch oder türkisch sprechen, sucht Demirović die Neuzuwanderer auf. Sie laden sie ein zu einem kostenlosen Frühstück im Interkulturellen Zentrum (IKUZ) der Arbeiterwohlfahrt (AWO). Sie möchten hören, was die Menschen bewegt, was sie erlitten haben und was sie brauchen. Dann bieten sie Hilfe an. Kostenlos.

Schlepper machen Geschäfte mit den Neuankömmlingen

Kostenlos? Ein Wort, das die Roma nicht zu kennen scheinen. Sie sind es nicht gewohnt, dass etwas ohne Bezahlung angeboten wird. Normalerweise sind es dubiose Geschäftsleute und Schlepper, die den Familien bei den Amtsgängen helfen: Anmeldung, Kindergeldantrag, Wohnungssuche. Natürlich gegen Geld, in der Regel werden mehrere Hundert Euro fällig, sagt Mirza Demirović.

Die AWO-Mitarbeiter versuchen, gegenzusteuern. Sie gehen auf die Menschen zu, klären sie auf, als Entwicklungshelfer mitten in Dortmund. Bei ihrer Arbeit sind sie von den Geschäftemachern auch schon bedroht worden. Schließlich gefährden sie und andere Hilfsorganisationen mit ihren kostenlosen Angeboten das Geschäftsmodell von Ausbeutung und Elend. Sie warnen sogar die Menschen vor uns, berichtet der Sozialarbeiter.

Doch es gibt Menschen, die sich von diesen Lügengeschichten nicht abschrecken lassen. So wie Fabian Lazar-Ion (39) und seine Frau Anisoara (31). Die beiden Rumänen aus Galati in der Moldau-Region sind vor neun Jahren nach Spanien gegangen, um dort zu arbeiten. Sie flohen vor der Perspektivlosigkeit, dem Hass auf Sinti und Roma und der Benachteiligung in ihrer Heimat. In Spanien ging es ihnen gut. Sie lernten Spanisch und hatten beide Arbeit und ein Auskommen. Doch dann kam die Wirtschaftskrise. "Wir bekamen keine Arbeit mehr", berichtet der Vater von zwei Kindern.

Er hörte von seiner Schwester Gabriela Lihcah, dass es in Dortmund Arbeit gebe. Deren Mann hat – weil er selbst Türkisch spricht – bei einem türkischen Bauunternehmer Arbeit gefunden. Vor gut einem Jahr holte er seine Frau und seine Kinder nach. Fabian und seine schwangere Frau Anisoara kamen mit ihrem Kind im Dezember 2013 bei der Schwester und ihrer Familie unter. Unter extrem beengten Verhältnissen – denn ihre Verwandten haben selbst sieben Kinder.