ZEIT ONLINE: Herr Siebenhaar, Sie sind Schweizer, leben seit sechs Jahren in Leipzig. Können Sie ordentlich sächseln?

Beat Siebenhaar: Wenn, dann nur heimlich zu Hause. Bisher hatte ich nicht die Zeit, Sächsisch gewissenhaft zu lernen, da will ich mich mit Halbkönnen nicht blamieren. Zudem ist es so, dass das Nachahmen einer regionalen Sprachform häufig als Spott aufgefasst wird und diesen Eindruck möchte ich nicht erwecken. Den sächsischen Dialekt muss man übrigens unterscheiden von der sächsischen Umgangssprache, einer regionalen Einfärbung des Hochdeutschen. Die gibt es in Leipzig, wo ich lebe, natürlich öfter. 

ZEIT ONLINE: Stimmt es eigentlich, dass man einfach nur den Unterkiefer vorschieben muss, um zu sächseln?

Siebenhaar: Da ist was dran, weil man damit einen Teil der artikulatorischen Bedingungen des Sächsischen trifft, die sogenannte Zentralisierung: die Vokale werden so weniger präzise artikuliert. Spezifischer für das Sächsische sind eher die berühmten lenisierten Konsonanten: "Goffer" statt "Koffer". Interessant übrigens: Die Lenisierung im Anlaut ist ursprünglich nur in der Umgebung von Leipzig wissenschaftlich belegt.

ZEIT ONLINE: Warum finden viele Menschen Sächsisch eigentlich so hässlich?

Siebenhaar: Die sächsische Regionalsprache und der Dialekt hatten schon lange einen schweren Stand. Sächsisch wird oft gleichgesetzt mit tölpelhaftem Verhalten, Ungebildetheit und Spießigkeit. Diese Ansicht hat sich über Jahrhunderte tradiert. Dabei unterscheidet sich das Sächsische eigentlich relativ wenig von unserem heutigen Hochdeutsch. Besonders ist fast nur noch die Aussprache. Dabei hatte die sächsische Art nach der Schrift zu sprechen eine Zeit lang ein relativ hohes Prestige. Die Aussprache wurde mit der Schriftsprache Luthers gleichgesetzt, ein Mythos, der lange gepflegt wurde.

ZEIT ONLINE: Martin Luther war also ein prominenter Fan des Sächsischen?

Siebenhaar: Luther verwendete für seine Bibelübersetzung eine Schriftsprache, die sich stark an der kursächsischen Kanzleisprache orientierte. Mit dieser Schriftsprache wurde damals zwischen den Kanzleien kommuniziert. Weil die kursächsische Kanzleisprache viele überregionale Elemente vereinigte und damit weit herum verständlich war, konnte sie sich im 15. Jahrhundert zunehmend gegen andere Kanzleisprachen durchsetzen. Durch die Macht der Bibelübersetzung Luthers hat sich dann die kursächsische Kanzleisprache weiter verbreitet und ist später auch in katholischen Gebieten übernommen worden. Die Menschen haben dann begonnen, nach der Schrift zu sprechen und nicht mehr den Dialekt von ihren Eltern weiterzugeben.

ZEIT ONLINE: Das klang dann so wie Sächsisch heute?

Siebenhaar: Ganz genau wissen wir es nicht, aber die Aussprache in Sachsen ähnelte ihm wohl, in anderen Gegenden klang das anders, je nach der mundartlichen Grundlage. Die Sachsen hatten damals ja ein politisches und kulturelles Gewicht. Sie haben ihre Art, nach der Schrift zu sprechen, mit großem Selbstbewusstsein weiterverbreitet und dafür auch den Mythos der Luthersprache verwendet. Als die Preußen später die Sachsen besiegten, da ist die kulturelle Macht Sachsens geschrumpft. Damit hatten die Kritiker der sächsischen Aussprache der Schriftsprache Aufwind. Wenn man aber die alten Dialekte in einer Aufnahme aus dem Ende des 19. Jahrhunderts vergleicht, dann ist das Sächsische der deutsche Dialekt, der die größte Ähnlichkeit mit der heutigen Standardsprache hat.