LZ Granderson fühlte sich schmerzlich in die sechziger Jahre zurückversetzt, als er zu Beginn der Woche die Bilder aus der Kleinstadt Ferguson im US-Bundesstaat Missouri sah. "Polizisten in voller Kampfmontur, die Hunde auf schwarze Demonstranten loslassen – das erinnert nur allzu sehr an Alabama im Jahr 1965."

Der afroamerikanische Kommentator für den Nachrichtensender CNN war nicht der Einzige in den USA, der während der Ereignisse der vergangenen Tage an die schwersten Zeiten des Kampfes für Bürgerrechte für schwarze Amerikaner vor fast 50 Jahren denken musste. Nach dem Tod des unbewaffneten schwarzen Jugendlichen Michael Brown durch eine Polizeikugel am vergangenen Sonntag macht sich in Amerika zunehmend das Gefühl breit, dass sich an der Lage der Schwarzen im Land seit den Tagen von Martin Luther King fundamental nichts geändert hat: "Es wird für uns nie Gerechtigkeit geben", schrieb Mychal Denzel Smith in seinem Blog für die politische Wochenschrift The Nation. "Der Tod von Michael Brown zeigt uns einmal mehr, dass wir in diesem Land einfach nicht erwünscht sind."

Offiziell ist die Ursache von Browns Tod noch nicht geklärt. Die beteiligten Polizisten behaupten, eine Pistole sei während eines Handgemenges der Beamten mit Brown versehentlich losgegangen. Dorian Johnson, der Freund und Begleiter Browns an jenem Abend, hat jedoch eine dramatisch andere Version der Ereignisse. Laut Johnson hatten die Polizisten die beiden schwarzen jungen Männer, die auf dem Nachhauseweg waren, grundlos schikaniert. Als ein Beamter dann versuchte, Brown in den Polizeiwagen zu zerren, riss dieser sich los und begann wegzulaufen. Daraufhin eröffnete der Polizist, dessen Identität bislang nicht preisgegeben wird, das Feuer. Als Brown von den tödlichen Schüssen getroffen wurde, habe er laut Johnson bereits die Arme in die Luft gestreckt gehabt, um sich zu ergeben.

Die Demonstrationen in Ferguson und in den gesamten USA, wo sich auf den Straßen vieler Städte der Zorn über den Vorfall Bahn bricht, neigen offensichtlich dazu, Johnsons Version zu glauben. Und das aus gutem Grund: Allein die Ereignisse der vergangenen Wochen zeigen einen tief verwurzelten institutionellen Rassismus der amerikanischen Ordnungskräfte.

Serie rassistischer Angriffe der Polizei

So starb am 17. Juli im New Yorker Stadtteil Staten Island der 43 Jahre alte Eric Garner, während Polizisten ihn auf der Straße niederrangen. Auf der Videoaufnahme eines Zeugen ist klar zu erkennen, dass Garner die Beamten nicht attackiert hatte und dass er sich auch nicht zu Wehr setzte, als er angegriffen wurde.

Wenige Tage später wurde in Dayton im Bundesstaat Ohio der 22 Jahre alte John Crawford von Polizisten erschossen. Crawford war gerade dabei, in einem Walmart eine Spielzeugpistole für seinen Sohn auszusuchen. Und am vergangenen Dienstag, zwei Tage nach dem Tod von Michael Brown, wurde in Los Angeles der 25 Jahre alte, geistig behinderte Ezell Ford von der Polizei erschossen. Laut Augenzeugen wurde Ford ohne Vorwarnung angegriffen, auf den Boden geworfen und in den Rücken geschossen. Einen begründeten Verdacht gegen ihn gab es nicht, außer, dass er in einer "Problemgegend" lebte.

Deutlich mehr schwarze Amerikaner im Gefängnis

Die Serie von Vorfällen ist indes nur die Kulmination eines bekannten Problems. Bürgerrechtler weisen schon lange daraufhin, dass das amerikanische Rechts-, Ordnungs- und Strafvollzugswesen an einem tief sitzenden Rassismus krankt. "Ich bin es leid, jedes Mal Angst davor zu haben, erschossen oder verhaftet zu werden, wenn ich an einem Polizisten vorbeilaufe", schrieb LZ Granderson in seinem Kommentar.

Die Angst ist begründet. So trat der neue New Yorker Bürgermeister Bill de Blasio zu Beginn des Jahres mit dem Versprechen an, die schimpfliche Stop-and-frisk-Strategie der New Yorker Polizei zu beenden. Unter "Stop and Frisk" durften Beamte wahllos und ohne begründeten Verdacht Personen auf der Straße anhalten, durchsuchen und in Gewahrsam nehmen. Von der schikanösen Praxis waren jedoch zu 80 Prozent Latinos und Afroamerikaner betroffen. Schwarze und lateinamerikanische Nachbarschaften fühlten sich terrorisiert.

Institutioneller Rassismus als "Kastensystem"

Auch die Inhaftierungszahlen für schwarze Amerikaner sprechen für einen systematischen Rassismus der amerikanischen Institutionen. So sind 37 Prozent der amerikanischen Gefängnisinsassen schwarz, obwohl sie nur 13,2 Prozent der Bevölkerung ausmachen (Zahlen von 2013). Die Soziologin Michelle Alexander spricht deshalb von einem "Kastensystem", durch das insbesondere männliche Schwarze dauerhaft von der Teilhabe an der amerikanischen Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Auf der Ebene der Rechtsprechung ist das Bild ebenso trüb. So hat vor zwei Jahren der Freispruch des Sicherheitswächters George Zimmerman, der den unbewaffneten Jugendlichen Trayvon Martin erschoss, für erheblichen Zorn unter Afroamerikanern und Bürgerechtlern gesorgt. Deshalb waren viele überrascht, als in der vergangenen Woche in Detroit Theodor Wafer wegen Mordes verurteilt wurde. Wafer hatte die schwarze Jugendliche Renisha McBride erschossen, die nach einem Autounfall an seine Tür getreten war und um Hilfe gebeten hatte. "Das war immerhin ein wenig Balsam auf unsere Seele", schrieb Denzel Smith in der Nation.

USA wegen Rassenproblemen zerrissen

Der Zorn über den andauernden, tief sitzenden Rassismus in den USA, der sich derzeit in den Protesten im ganzen Land nach dem Michael-Brown-Vorfall breit macht, ist dennoch groß. Immer lauter werden die Stimmen, die glauben, in den USA werde sich für Afroamerikaner nie etwas ändern. So schreibt der schwarze Essayist Ta-Nehisi Coates, dass "Amerika auf einem Fundament weißer Suprematie ruht". Die amerikanische Gesellschaft ist laut Intellektuellen wie Coates und Alexander zutiefst und unabänderlich rassistisch verfasst. Daran hätten weder die Bürgerrechtsgesetze der sechziger Jahre noch die Wahl Obamas wirklich etwas geändert. "Man hat das Messer, das 20 Zentimeter tief in unserer Schulter steckt, einen Zentimeter weit herausgezogen", so Coates.

In Ferguson und anderswo im Land versucht derweil die Polizei mit Mühe, zu verhindern, dass die Proteste in offene Straßenschlachten ausarten. Dazu mussten am Dienstag und Mittwoch Tränengas und Panzerfahrzeuge eingesetzt werden, Demonstranten wurden zu Dutzenden abgeführt. Die USA sind einmal mehr wegen ihrer Rassenprobleme zutiefst zerrissen, und das nach sechs Jahren eines schwarzen Präsidenten. Den Traum einer post-rassistischen Gesellschaft, der kurzzeitig nach der Wahl Obamas aufflackerte, scheint weiter entrückt denn je.

Hinweis: In einer früheren Version des Artikels hieß es, 30 Prozent der amerikanischen Bevölkerung und 60 Prozent der amerikanischen Gefängnisinsassen seien schwarz. Beide Zahlen stimmen nicht. Wir haben sie korrigiert.