Sinti und Roma sind die Bevölkerungsgruppe in Deutschland, der am wenigsten Sympathie entgegengebracht wird, gefolgt von Asylbewerbern und Muslimen. Zu diesem Ergebnis kommt die repräsentative Studie Zwischen Gleichgültigkeit und Ablehnung – Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) in Auftrag gegeben hat. In der Erhebung Bevölkerungseinstellungen gegenüber Sinti und Roma werden Vorurteile gegenüber Europas größter Minderheit sowie das Wissen über diese ausgewertet. Außerdem werden Empfehlungen zum Abbau von Diskriminierungen gegeben.

Der Studie zufolge ist jeder zweite Befragte in Deutschland der Meinung, dass Sinti und Roma durch eigenes Verhalten Feindseligkeit in der Bevölkerung hervorrufen. Bei der Frage: "Wie angenehm oder unangenehm wäre Ihnen eine bestimmte Gruppe in der Nachbarschaft?" schnitten die Sinti und Roma am schlechtesten ab: Jeder dritte Befragte möchte nicht neben Angehörigen der Minderheit wohnen. Zudem bezeichnete jeder zweite Befragte Einreisebeschränkungen als ein probates Mittel für ein besseres Zusammenleben. 15 Prozent der Befragten assoziierten mit dem diskriminierenden Begriff "Zigeuner" "kriminelle Handlungen, am häufigsten wurde dabei Diebstahl genannt.

"Gleichgültigkeit, Unwissenheit und Ablehnung bilden zusammen eine fatale Mischung, die Diskriminierungen gegenüber Sinti und Roma den Boden bereiten", sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, bei der Vorstellung der Studie. Sinti und Roma würden von einem beträchtlichen Teil der deutschen Bevölkerung nicht als gleichberechtigte Mitbürgerinnen und Mitbürger wahrgenommen. Lüders nannte die Befunde dramatisch und den Handlungsbedarf von Politik und Gesellschaft erheblich.

Der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, Romani Rose, zeigte sich besorgt angesichts der tiefsitzenden Vorurteile: "Maßgeblich Politiker nutzen in der Debatte um angebliche Armutszuwanderung wider besseres Wissen das Feindbild von Roma aus und instrumentalisieren damit einen massiven Antiziganismus."

Roma zu diskriminieren bedeute, den europäischen Gedanken abzulehnen

Rose kritisierte, dass Angehörige der ethnischen Minderheit für das Fehlverhalten einiger weniger haftbar gemacht würden: "Ein Großteil der Angehörigen der Minderheit ist nicht sichtbar, und der Rest bedient das Feindbild." Es sei gut, dass Antisemitismus in Deutschland inzwischen geächtet würde. Wer feindliche Einstellungen gegen Sinti und Roma äußere, genieße dagegen immer noch Narrenfreiheit.

Beide, ADS und Zentralrat, fordern in den Handlungsempfehlungen der Studie, regelmäßig Diskriminierungserfahrungen von Sinti und Roma zu erheben. Eine Bildungsakademie für Sinti und Roma solle ins Leben gerufen werden, sowie die verstärkte Beteiligung von Selbstorganisationen mittels Staatsverträgen und die Mitarbeit in Gremien und Rundfunkräten befördert werden.   

Auch der nordrhein-westfälische Integrationsminister Guntram Schneider (SPD) bezeichnete die Ergebnisse als alarmierend. Es werde deutlich, dass die Gleichberechtigung aller europäischer Staatsbürger "bei einem großen Teil in der deutschen Bevölkerung nicht verankert ist", sagte Schneider. Die Roma seien europäische Bürger und stellten die größte Minderheit der Europäischen Union mit etwa sechs Millionen Menschen. "Sie zu diskriminieren in der EU kommt der Ablehnung des europäischen Gedankens gleich."

Die Arbeiterwohlfahrt (AWO) machte die Debatte über sogenannte Armutszuwanderung mitverantwortlich für die Vorbehalte gegen Sinti und Roma. Die Studie sei ein klares Signal, immer wieder aufkommenden Vorurteilen mit Blick auf Sinti und Roma zu widersprechen, erklärte AWO-Vorstandsmitglied Brigitte Döcker. "Das Gegenteil wird aber getan, wenn über die sogenannte Armutszuwanderung gesprochen wird."