Einen besseren Zeitpunkt für die Veröffentlichung seines neuen Buches hätte Heinz Buschkowsky kaum treffen können: Seit wir täglich Neues über deutsche Dschihadisten im Irak oder in Syrien lesen und in Wuppertal eine Scharia-Polizei durch die Straßen patrouillierte, ist die Debatte über muslimische Einwanderer und den Islam neu entbrannt. Die Frage, wie Integration gelingen kann, steht mal wieder im Zentrum des öffentlichen Interesses. 

Mit Die andere Gesellschaft meldet sich nun einer zu Wort, der eigentlich Antworten geben können müsste. Seit 13 Jahren ist der SPD-Politiker Buschkowsky Bürgermeister von Berlin-Neukölln, einem der bundesweit bekannten Brennpunkte der Hauptstadt. 42,1 Prozent der dort lebenden Menschen haben einen Migrationshintergrund. Und Buschkowsky ist ja in der Integrationsdebatte auch wahrlich kein Unbekannter. Berlinerisch schnoddrig und undiplomatisch prangert er seit Langem an, was seiner Ansicht nach in der Parallelgesellschaft schief läuft. Sein 2012 erschienenes Buch Neukölln ist überall war ein Bestseller – auch wenn ihn manche dafür als Rassisten beschimpft haben.

Für sein neues Buch habe er ein Jahr lang mit Neuköllner Frauen und Männern, mit Imamen und Islamkritikern Gespräche geführt, schreibt Buschkowsky. Leider hätten ausgerechnet die "Frauen in den langen schwarzen Mänteln und die Männer mit den weißen Strickkäppis" aber nicht mit ihm reden wollen. Umso ausführlicher lässt er dafür pauschalisierende Islamkritiker wie Necla Kelek zu Wort kommen. Eine kritische Einordnung unterbleibt. 

Anders behandelt er dagegen Ender Cetin, den Vorsitzenden der Sehtilik Türkisch-Islamischen Gemeinde. Ihm seien wohl "die Pferde durchgegangen", mäkelt Buschkowsky, weil Cetin gewagt hatte, zu erwähnen, wie schlecht seine Eltern – Gastarbeiter der ersten Generation – behandelt worden seien. Dabei ist Cetin einer, der durchaus sehr kritisch über die Radikalisierung mancher Muslime spricht.

Reale Probleme, wirre Ursachenforschung

Besonders ärgerlich ist aber, dass Buschkowsky sich in weiten Teilen des Buches vor allem auf seine subjektiven Eindrücke stützt. Als Maßstab dienen bodenständige Prinzipien, die unter anderem lauten: "Jeder ist seines Glückes Schmied" und "Von nüscht kommt nüscht". Stammtischtauglich wettert er, Muslime würden erwarten, "dass die Gemeinschaft ihre Besonderheiten natürlich zu tolerieren, zu respektieren und vor allem zu alimentieren habe." Heute würden laut Buschkowsky alle den Staat dafür verantwortlich machen, dass sie einen Job haben und die Kinder gute Noten. Klappt das nicht, sei die Lehrerin halt rassistisch. Immerhin räumt er dann doch ein, dass es sich dabei nicht um ein muslimisches, sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt.

Zwar spricht Buschkowsky reale Probleme an, doch bei der Ursachenforschung geht alles durcheinander. Gnadenlos vermengt er soziale und kulturelle Gründe mit jenen, die sich tatsächlich auf einen radikal praktizierten Islam zurückführen lassen. So spricht er mitunter pauschal von Muslimen, dann nimmt er das wieder zurück und meint nur die Fundamentalisten.