ZEIT ONLINE: Herr Mansour, etwa 400 junge Männer, die in Deutschland aufgewachsen sind, sehen sich als islamistische Krieger und sind nach Syrien oder in den Irak gegangen. Inzwischen kehren einige zurück. Was machen diese Rückkehrer hier?

Ahmad Mansour: Die meisten haben mit dieser Gesellschaft abgeschlossen, sie wollen gar nicht zurück. Aber die, die zurückkommen, sind sehr unterschiedlich. Die eine Gruppe, die ich kenne, ist so traumatisiert, dass sie in der Psychiatrie ist oder zumindest in Psychotherapie. Die Jungs haben Dinge gesehen, die sie lange nicht verarbeiten werden können. Sie haben auch nicht damit gerechnet, dort nur Fußvolk und Kanonenfutter zu sein. Die zweite Gruppe sind junge Männer, die sich wichtig machen wollen. Sie sind für ein paar Wochen nach Syrien oder in den Irak gereist, um sich mit einer Kalaschnikow fotografieren zu lassen und die Bilder auf Facebook zu posten. Die dritte Gruppe kommt zurück, um hier zu rekrutieren und vielleicht auch Gewalt in Europa auszuüben: Das sind die Ideologen und die Gefährlichsten. Sie sind nicht bereit, mit mir oder mit Sicherheitsleuten zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Können manche von denen, die zurückkehren, eventuell den anderen klarmachen, dass es kein attraktiver Weg ist, sich Terroristen anzuschließen?

Mansour: Es gibt kaum Aussteiger, weil diese Ideologie mit Angst, Schuldgefühlen und sozialem Druck arbeitet. Wenn sie aussteigen wollten, müssten sie nicht nur alle sozialen Kontakte hinter sich lassen. Es wird ihnen damit gedroht, dass sie nach dem Tod in der Hölle landen. Sie würden sich außerdem als Verräter an der Religion, an allen anderen Muslimen und möglicherweise sogar an der Familie fühlen. Die wenigen, die aussteigen, sind in Gefahr, deshalb bleiben sie still. Im Privaten distanzieren sie sich vielleicht, wollen aber nicht zu Vorbildern werden.

ZEIT ONLINE: Und die anderen, die zur Gefahr werden könnten?

Mansour: Hier stößt die Demokratie an Grenzen, man kann versuchen, sie zu überwachen, aber meistens ist ihnen nicht nachzuweisen, dass sie straffällig geworden sind. In England will man ihnen das Aufenthaltsrecht nehmen. Aber ich lehne es auch ab, sich immer nur mit dieser kleinen Gruppe zu beschäftigen.

ZEIT ONLINE: Warum?

Mansour: Weil die Gefahr viel eher von denen ausgeht, die in Deutschland bleiben und ihren "Dschihad" gegen die Ungläubigen hierzulande ausüben wollen. Wir sollten uns um die kümmern, die noch nicht verloren sind. Prävention ist sinnvoller. Unglaublich viele Leute in Deutschland sympathisieren mit den Terroristen – und sobald die Terrorgruppe "Islamischer Staat" Erfolge erzielt, werden es wieder mehr. Es gibt eine Gruppe, die diesen radikalen Gruppierungen nahesteht und sich "Wahre Religion" nennt. Sie hat auf Facebook 50.000 Fans. Natürlich sind das nicht alle Terroristen, aber sie denken ähnlich.

ZEIT ONLINE: Wieso ist der Islamismus für so viele junge Männer verlockend?

Mansour: Die Jugendlichen sind auf der Suche nach Sinn und nach Halt. Und bei diesen Gruppierungen finden sie Sicherheit, Zufriedenheit und eine Mission. Das wertet ihr Leben auf, aber das anderer Menschen ab. Seine Inhalte hat der IS nicht neu erfunden: Sie sind im Mainstream-Islam, den viele Muslime in Deutschland praktizieren, angelegt. Es nutzt nichts, sich offiziell vom Terror des IS zu distanzieren, aber weiter an diesen Inhalten festzuhalten und einen liberalen Islam auszugrenzen.