Man muss den Tod nur mal mit seinen Augen sehen. Dann sieht man ihn als eine Gleichung mit vielen Unbekannten. Es ist eine Aufgabe, die keiner lösen kann. Doch Torsten Nahm glaubt, dass es möglich ist. Irgendwann. Nahm ist Mathematiker bei einem internationalen Versicherungskonzern, ein blasser Junge in einem zu großen Anzug, der um dünne Arme und Beine schlenkert. Risiken bis auf die soundsovielte Stelle nach dem Komma zu berechnen, das ist sein Job. Und was ist der Tod anderes als das größte Risiko im Leben? In Gedanken hat Nahm alle Varianten schon einmal durchgespielt. Ein Herzinfarkt ginge gar nicht, womöglich noch in den Bergen, wo man ihn erst nach Stunden finden würde.

Alzheimer scheidet auch aus. Torsten Nahm will ja weiterleben nach dem Tod. Das ist sein Ziel. Sein Traum. Seine Berufung. Ihr hat er sein Leben gewidmet. Sein Körper soll bei minus 196 Grad in Stickstoff eingefroren und erst wieder aufgetaut werden, wenn die Medizin weit genug ist, um Nahm einen gesunden Körper zurückzugeben. Und was hätte er davon, wenn sein Gedächtnis dann so löchrig ist wie ein Schweizer Käse?

Krebs dagegen, Krebs würde sich anbieten, sagt er, als scanne er im Supermarkt verschiedene Pizzen mit der Handy-App auf Kalorien, Nährwert und Preis. Ein Tod mit Ansage, berechenbar bis auf die Minute, kontrolliertes Sterben in einem Krankenhaus. So stellt er sich das vor. Der Balsamierer könnte schon an seinem Bett sitzen und warten, bis das Herz stehen geblieben ist, um den Leichnam einzufrieren und vorzubereiten für den Transport. So nämlich funktioniert die Kryonik. Kryonik, das ist die Wissenschaft von der Konservierung einzelner Organe oder ganzer Organismen. Der Begriff kommt vom griechischen Wort "kryos", das bedeutet Frost oder Eiseskälte. Kryoniker hoffen auf ein zweites Leben am Tag X.

Es ist nur eine vage Hoffnung, und noch gibt es keine Garantie dafür, dass sie sich jemals erfüllen könnte. Zu viele Unbekannte in einer Gleichung. Trotzdem hat Torsten Nahm schon einen Vertrag mit der Alcor Life Extension Foundation im US-Bundesstaat Arizona abgeschlossen, eine von drei Organisationen weltweit, die sogenannte Kryokonservierungen anbieten. 1972 gegründet, ein gigantisches Leichenkühlhaus in der Wüste. Alcor soll sich um alles kümmern am Tag X in 50, 100 oder 200 Jahren – wer weiß schon, wann? Torsten Nahm hat eine Risikokapitalversicherung abgeschlossen. 200.000 Dollar kostet das Ticket in eine ungewisse Zukunft nach dem Tod. Einfrieren, Transport der Kapsel in die USA, Einlagerung, alles inklusive.

Er ist nicht allein. 124 Thermosbehälter mit in Stickstoff gefrorenen Leichen hängen schon in der Alcor-Zentrale. Die meisten kommen aus den USA und Kanada, aber auch in Europa breitet sich die Bewegung langsam aus. Alcor ist Teil einer milliardenschweren Industrie, die mit einem ewigen Traum der Menschheit handelt: dem Traum vom ewigen Leben.

Dieser Text stammt aus der Christ & Welt-Ausgabe 40/14

Aber warum geben erwachsene Menschen ein halbes Vermögen für ein ungewisses Abenteuer in der Zukunft aus, statt ihr Leben auf Erden zu genießen? Treffen mit Torsten Nahm in München, 37 Jahre, seit einem halben Jahr wieder Single, keine Kinder. Er sagt, in seiner Freizeit lese er gerne Wissenschaftsmagazine und singe im Chor. Und dann ist da noch sein Engagement für den Verein. Zusammen mit anderen hat Nahm die Deutsche Gesellschaft für Angewandte Biostase e.V. gegründet, 70 Mitglieder, 90 Prozent Männer, fast alle mit einem naturwissenschaftlichen Hintergrund, Alter: 18 bis 72 Jahre. Wie tief sie in dem Thema stecken, zeigt ein Blick in die Chatforen auf der Homepage des Vereins. Gibt es schon mobile Ultratiefkühltruhen? Bekommt der Mensch etwas von der Konservierung mit? Und würde es für eine Wiederauferstehung nicht schon theoretisch reichen, wenn man das Hirn konserviert, das Zentrum des Bewusstseins, der Gefühle und der Erinnerungen?

Es sind Fragen, die Science-Fiction-Freunde nicht überraschen. Der Physiker Robert Ettinger war der Erste, der die Idee der Eiskonservierung aufbrachte. 1964 erschien sein Buch Die Aussicht auf Unsterblichkeit. Seither geistern tiefgefrorene Leichen in allen möglichen Variationen durch Horror- und Science-Fiction-Filme. Die Mitglieder des Vereins haben Mühe, das Image der Frankensteins wieder loszuwerden. Sie veranstalten wissenschaftliche Symposien und gehen in TV-Talkshows, um Vorbehalte auszuräumen und neue Mitglieder zu gewinnen. Torsten Nahm ist einer ihrer fleißigsten Lobbyisten.