Adam Lisek kann nicht aufhören, seine Fassungslosigkeit auszudrücken. "Ich habe selbst Weihnachten im Container verbracht", sagt der Sprecher von European Homecare. Die Betreiberfirma von Flüchtlingsunterkünften beschäftige viele Mitarbeiter mit Migrationshintergrund. "Solche Vorfälle schockieren uns sehr", sagt er, angesprochen auf die mögliche Misshandlung von Flüchtlingen durch Mitarbeiter einer Sicherheitsfirma. Und versichert: "Jede Einrichtung wird nun überprüft." Eine Task Force arbeite bereits daran.

In einer von Homecare betriebenen Asylbewerberunterkunft in Burbach in Nordrhein-Westfalen sollen mehrere Männer einen 20-Jährigen misshandelt haben. Dazu ein Bild, das an die Folter im Gefängnis von Abu Ghreib erinnert. Auch in Essen und in einer dritten Flüchtlingsunterkunft in Bad Berleburg ermittelt die Polizei wegen Vorwürfen von Körperverletzung: Menschen, die vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflohen sind, sollen dort misshandelt worden sein. Von Mitarbeitern privater Sicherheitsdienste, die sie eigentlich schützen sollen. "Fassungslos und beschämt" sei man, teilt der Geschäftsführer von European Homecare mit. "Ich kann dafür nur um Entschuldigung bitten."

Der Schock über die am Wochenende bekannt gewordenen Vorfälle sitzt tief und wird von allen Beteiligten geteilt. Die nordrhein-westfälische Ministerpräsidentin Hannelore Kraft "schämt sich", ihr Innenminister verspricht harte Strafen, andere Politiker und Polizeifunktionäre kritisieren die Privatisierung von staatlichen Aufgaben und insbesondere die privaten Sicherheitsdienste. Deren Bundesverband wiederum sagt, dass alle sonst üblichen Vorgaben "vernachlässigt oder nicht erfüllt" worden seien. Und auch die verantwortliche Sicherheitsfirma SKI spricht von "niederträchtigen Vorfällen". Die betroffenen Mitarbeiter seien entlassen worden. Also letztlich ein Fall individueller Vergehen der Sicherheitsmitarbeiter?

Verzicht auf Standards

Dass es bei den Misshandlungsvorwürfen um mehr geht, war schon am Wochenende deutlich geworden. Offen hatte European Homecare eingeräumt, dass die vorgeschriebenen Standards und Personalschlüssel wegen der gestiegenen Flüchtlingszahlen derzeit nicht eingehalten werden könnten. Die zuständige nordrhein-westfälische Aufsichtsbehörde für Flüchtlingsunterkünfte in Arnsberg hatte ihre Kapitulation erklärt: Man sei froh, dass es überhaupt ein Obdach für Flüchtlinge gebe. "Vor diesem Hintergrund bin ich nicht der Meinung, dass wir im Moment die Standards diskutieren sollten", sagte der Chef der Bezirksregierung, Volker Milk.

Stark steigende Asylbewerberzahlen stellen die Behörden derzeit in allen Bundesländern vor massive Herausforderungen. Viele Einrichtungen sind überbelegt. In der Zeit von Januar bis August 2014 haben insgesamt 99.592 Menschen in Deutschland Asyl beantragt. Für das gesamte Jahr erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rund 200.000 Bewerber.

In einer solchen Lage ist ein Land wie Nordrhein-Westfalen also froh, wenn ein Unternehmen wie European Homecare einfach ein schnelles Obdach bietet, die Bedingungen dort sieht man offenbar als zweitrangig an. Tatsächlich gilt die Firma als Spezialist für schnelle Flüchtlingshilfe: Seit 24 Jahren betreibt Homecare Unterkünfte, "nicht nur aus Altruismus", wie Sprecher Lisek sagt. Bundesweit seien es um die 40 Einrichtungen, und das Unternehmen sei als einer der wenigen Anbieter in der Lage, auch innerhalb von vier Tagen eine Unterkunft einzurichten. Für überlastete Behörden in Notsituationen ein nicht unerheblicher Faktor.

Für die Flüchtlinge dürfte die Frage nach der Art der Unterbringung allerdings ebenso wichtig sein. Die sogenannten Standards bezeichnen die Mindestanforderungen an die Unterkünfte, die die Betreiber zu erfüllen haben. Das betrifft unter anderem die Größen der Wohn- und Schlafräume, Lage der Unterkünfte, Anzahl der Sozialarbeiter, Ausstattung und Hygienebedingungen sowie auch Vorschriften für die Mitarbeiter. Eine gerade veröffentlichte Studie im Auftrag von Pro Asyl zeigt, wie unterschiedlich diese Standards von Bundesland zu Bundesland sind, wenn es sie überhaupt gibt. Nordrhein-Westfalen etwa verzichtet auf gesetzliche Vorgaben, sie würden bei jeder Auftragsvergabe festgelegt. Einige Kommunen wie Köln oder Leverkusen haben allerdings eigene Leitlinien erlassen.