Der Mann mit den langen weißen Haaren und dem weißen Bart sagt, mit politischem Protest und gesellschaftlichen Veränderungen sei das wie in der Jauchegrube. "Unter der Oberfläche gärt es. Man weiß nicht wann, aber plötzlich beginnt es zu brodeln." Und manchmal, wenn das austretende Gas nicht entweichen kann und der Druck zu groß wird, gibt es sogar eine Explosion.

Werner Rätz kennt sich damit aus. Mit echten Jauchegruben einerseits, denn der 62-Jährige entstammt einer Bauernfamilie aus der Eifel. Und mit dem Brodeln in der politischen Jauchegrube andererseits: Rätz war schon Mitglied bei der CDU und den Grünen, er hat das globalisierungskritische Netzwerk Attac mitbegründet, schreibt Bücher über das bedingungslose Grundeinkommen. Jetzt organisiert er die Blockupy-Proteste mit.

Deshalb ist er an einem Sonntag Mitte September in das Haus des Deutschen Gewerkschaftsbundes nach Frankfurt gekommen, wo sich etwa 100 Blockupy-Vertreter versammelt haben. Es geht darum, wie sie ihr Bündnis lebendig halten können. Wie sie die gerade sehr ruhige Jauchegrube mal wieder zum Brodeln bringen können.

Seit über zweieinhalb Jahren gibt es Blockupy. Damals, Anfang 2012, schien die Zeit reif, den weltweiten Protest nach der Finanzkrise endlich nach Deutschland zu holen. Überall wurde protestiert, in Spanien, Griechenland, Israel, Chile. Linke in ganz Europa träumten von einer paneuropäischen Bewegung, inspiriert durch den arabischen Frühling und Occupy Wall Street.

Während sich die Occupy-Bewegung im Diffusen, Unkonkreten verlor, einigte man sich bei Blockupy schnell auf einen Minimalkonsens: die Solidarität mit der verarmten südeuropäischen Peripherie, den Widerstand gegen die europäische Krisenpolitik. An die mediale Popularität der Occupy-Bewegung, die im Herbst 2011 durch ihre Camps in Frankfurt und anderswo viel Aufmerksamkeit erregte, wollte Blockupy anknüpfen. Nicht der Name war ähnlich, auch der Lieblingsgegner ist derselbe: die Europäische Zentralbank (EZB), die ihren Sitz im "Herzen der Bestie" hat, wie Blockupisten die Bankenstadt Frankfurt nennen.

Blockupy stand immer dann im Fokus der Öffentlichkeit, wenn es um eine spektakuläre Blockade der Bank ging. Das war im Mai 2012 so und ein Jahr später auch.

Gesetztes Auftreten, radikale Rede

"Wir konnten Tausende Menschen zu den Blockaden mobilisieren und ein sichtbares Zeichen des Widerstandes setzen", sagt Christoph Kleine. Der 47-Jährige, Typ gesetztes Auftreten, radikale Rede, ist Aktivist und Sprecher der Interventionistischen Linken. Diese gehört zum antikapitalistischen Flügel des Blockupy-Bündnis, in dem sich  über 90 Gruppen versammeln: Reformisten und Radikale, Attacies und Antikapitalisten, auch Anhänger der Occupy-Bewegung, Politiker der Linkspartei, Mitglieder der Grünen Jugend und einiger Splittergruppen sind dabei. Dass die chronisch zerstrittene Linke überhaupt gemeinsame Sache macht, gilt vielen schon als Erfolg.

Und was ist mit den Erfolgen nach außen? Alle wissen, dass ihr Bündnis an der tatsächlichen, so verhassten Politik nichts verändert hat. Ist Blockupy also gescheitert? Läuft der Protest sogar Gefahr, zur Selbstinszenierung der linken Szene zu werden, zum Scheinprotest?

Rätz sieht das natürlich nicht so. Bis zur Arabellion habe es ja auch jahrzehntelang gären müssen, bevor es richtig zu brodeln begann. Gesellschaftliche Veränderung sei eben ein zäher und unvorhersehbarer Prozess – und keine Einbahnstraße, wie die Restauration in der arabischen Welt zeige.