Die Alte kneift die Augen zu Schlitzen zusammen. Wie eine Waffe hält die Hebamme die Rasierklinge in die Luft. "Seit Generationen haben wir die Mädchen damit vor Dummheiten beschützt", ruft sie. Die Ärztin, Locken und Brille, blafft zurück. "Meine Operation ist sicherer." Als der Streit zu eskalieren droht, wendet sich die Ärztin an das Publikum. "Wie sollen Mädchen beschnitten werden", fragt sie die Jungs und Mädchen auf den Holzbänken. "Mit einer Rasierklinge oder einer Operation?" Ein Mädchen hebt die Hand. "Eine Operation ist sauberer." Ihre Sitznachbarin meldet sich. "Wir sollten das besser gar nicht machen." Kurze Stille. Dann nicken die anderen.

Etwa 80 Kinder hocken an diesem Morgen im Innenhof einer Schule etwas außerhalb des Zentrums von Asyut, einer Provinzstadt in Oberägypten, vier Autostunden von Kairo entfernt. Draußen reiten Männer auf Eseln die staubige Landstraße hinunter, hagere Pferde dösen im Schatten der Palmen, Katzen wühlen sich durch den Müll. Drinnen steht Nada Sabet auf der improvisierten Bühne und erklärt das Theaterstück, das die Schüler gerade gesehen haben. Eine halbe Stunde lang haben Ahmed, Sami und Sherin, die jungen Schauspieler aus Kairo, Sketche gespielt. Ihr Thema: Weibliche Genitalverstümmelung. Mit Liedern und Tanzeinlagen zeigen sie die fatalen Folgen eines hier noch immer üblichen Eingriffs: Rund 90 Prozent der Ägypterinnen zwischen 15 und 49 Jahren sind Studien zufolge beschnitten, Musliminnen wie Christinnen.

Das ist eine der weltweit höchsten Beschneidungsraten. Nur in Somalia, Guinea und Dschibuti ist die Rate laut Unicef noch höher. Die Nachwirkungen dieser grausamen Prozedur sind verheerend: Viele Mädchen leiden später unter Infektionen und Qualen beim Sex. Häufig kommt es zu Komplikationen bei Schwangerschaft und Geburt. Auch begleiten Scham und Traumata die Frauen meist ein Leben lang.

"Die Beschneidung ist eins der größten Tabus"

Damit die Ägypter verstehen, dass Genitalverstümmelung die Rechte von Mädchen verletzt, reist Theaterdirektorin Nada Sabet einige Wochen lang mit ihrer Gruppe in einem Minibus durch die Dörfer. Sie absolvieren bis zu vier Auftritte pro Tag, in Schulen, Gemeindezentren, auf Dorfplätzen. "Die Beschneidung ist eines der größten Tabus der ägyptischen Gesellschaft", sagt Sabet. Sie wird in allen Schichten praktiziert, selbst in der Kairoer Oberschicht. Von den jüngeren Städtern wird sie zwar immer weniger toleriert, doch auf dem Land gilt sie nach wie vor als ganz normal. "Frauen dürfen hier nicht mal Hosen tragen. Aufklärung zu betreiben ist sehr schwer." 

Denn in der Provinz, wo die Mehrheit weder lesen noch schreiben kann, halten sich Bräuche und Normen besonders hartnäckig. Vor allem die Großmütter pochen darauf, dass die Entfernung von Klitoris und Schamlippen notwendig sei, um die Mädchen körperlich und moralisch rein zu halten. Sie würden sonst ständig ihren sexuellen Trieben folgen. Nur beschnittene Mädchen, heißt es, können sittsame Ehefrauen werden. "Mit der Beschneidung kontrollieren die Männer die weibliche Sexualität", sagt die Theatermacherin Sabet. "Sie behandeln Frauen wie Objekte." Erst langsam fangen die Frauen an, ihre Rolle zu hinterfragen.

Die Schüler johlen, als sich die Schauspieler auf der Bühne verneigen. Im Lehrerzimmer sitzt Mona an einem Tisch und kontrolliert Aufsätze. Die Englischlehrerin ist in einen schwarzen Umhang gehüllt, ihre Augen blicken durch ein Stoffgitter. Alle ihre Nachbarn ließen ihre Mädchen beschneiden: "Die Menschen in Asyut denken, der Islam verlange das Beschneiden. Das ist ein schlimmer Irrtum", sagt sie in fließendem Englisch. "Mein Mann und ich sind gebildeter. Wir wissen, dass Beschneidung nicht notwendig ist."