Bald zehn Jahre ist es her, dass Oury Jalloh am 7. Januar 2005 mit Handschellen gefesselt im Keller des Polizeireviers in Dessau verbrannte. Der Polizeihauptkommissar Andreas S. wurde in Magdeburg zu einer Geldstrafe verurteilt, wegen fahrlässiger Tötung. Denn er hätte helfen können. Verhandelt wurde auch darüber, ob die Polizisten überhaupt das Recht hatten, Jalloh festzuhalten. Wenn nicht, hätte der Beamte auch wegen Freiheitsberaubung mit Todesfolge verurteilt werden können. Aber das Urteil wegen fahrlässiger Tötung wurde bestätigt, inzwischen auch vom Bundesgerichtshof.

All die Jahre hat jedoch kein Prozess untersucht, wie das Feuer wirklich entstanden ist. Jalloh hätte sich selbst angezündet, lautete die These, die die Basis für das Brandgutachten war – aber nie bewiesen wurde. Wie hätte ihm diese Selbsttötung gelingen können, mit Handschellen gefesselt auf einer schwer entzündbaren Matratze? Außerdem war das Feuerzeug, mit dem er das Feuer gelegt haben soll, erstaunlich spät als Beweisstück hinzugekommen. Es wies Spuren auf, die weder von Jalloh noch von seiner Matratze stammten. Dem Verdacht, dass es nie im Besitz von Jalloh war, ging lange keiner nach. Nur die sehr eifrige Initiative in Gedenken an Oury Jalloh hat dafür gesorgt, dass der Fall nicht längst vergessen ist. Ein von ihr in Auftrag gegebenes Brandgutachten hat dazu geführt, dass seit April dieses Jahres, also gut neun Jahre nach Jallohs Tod, die Staatsanwaltschaft Dessau wieder ermittelt, um die Ursache für den Brand zu klären.

Die Journalistin Margot Overath, die seit Jahren zu dem Fall recherchiert, hat nun in einem Radio-Feature all die Versäumnisse zusammengetragen: Es gab zum Beispiel kaum Fotos und Videos vom Tatort, wie vorgeschrieben. Es wurde nicht dokumentiert, was gefunden und verwahrt wurde. Weder Staatsanwalt noch Brandexperte waren sofort am Unfallort. Und wie kommt es, dass der gefesselte Jalloh mit heruntergelassener Hose gesehen wurde? Wie konnte ein Feuerzeug in seine Zelle gelangen?

Wo soll ein Brandbeschleuniger hergekommen sein

Overath hat jedoch nicht nur dokumentiert, was bisher geschehen, beziehungsweise nicht geschehen ist. Sie hat auch Experten und Informanten getroffen, die nicht gehört worden sind. Sie hat sich die Obduktionsergebnisse angeschaut und nachgefragt. Der Gehalt an Kohlenmonoxid im Herzblut Oury Jallohs war Null. Dem Direktor des Instituts für Rechtsmedizin der Charité Berlin Michael Tsokos macht das Bauchschmerzen: Denn dieser Wert ist normalerweise erhöht, wenn ein Brandopfer während das Feuer ausbrach noch gelebt hat. Sollte sich Jalloh selbst angezündet haben, muss er gelebt haben. Die einzige andere Erklärung ist laut Tsokos, dass der Mann so schnell gestorben ist, dass er keine Zeit hatte, noch Kohlenmonoxid einzuatmen.

Der Schweizer Peter Iten, der die Abteilung für Forensische Chemie/Toxikologie am Institut für Rechtsmedizin in Zürich vor seiner Pensionierung leitete, erklärt Overath: Ein sehr rascher Tod sei in der Regel nur dann möglich, wenn ein Brand fast explosionsartig ausbreche. Und das sei zum Beispiel der Fall, wenn ein Brandbeschleuniger vergossen wird. Den hatte Jalloh zweifelsfrei nach seiner Durchsuchung nicht dabei.  

Overath hat auch Menschen getroffen, die behaupten, etwas von der Person zu wissen, die im Magdeburger Urteil als "fremder Mann mit Brille" bezeichnet wird. Denn auch das ist ein Versäumnis: Diese fremde Person, die während des Brandes im Haus gesehen wurde, wurde bisher nicht gefunden. Ein ehemaliger Polizist hat etwas von einem Informanten gehört. Eine andere Person macht Overath gegenüber ebenfalls Andeutungen.      

Vor Kurzem hatte der Guardian eine Parallele zwischen dem Fall Jalloh und dem Versagen der Behörden während der NSU-Morde gezogen. Vielleicht hilft ja die Scham über die Untätigkeit im NSU-Fall, dass in einem neuen Jalloh-Prozess doch noch die Wahrheit gefunden wird.

Das Feature von Margot Overath ist am 22.10. um 22 Uhr im MDR Figaro und RBB Kulturradio  zu hören.