Kardinal Walter Kasper bei der Eröffnung der Familiensynode Anfang Oktober 2014 © Franco Origlia/Getty Images

ZEIT ONLINE: Herr Kasper, Sie haben dramatische Tage hinter sich. Sie wurden gefeiert als Anwalt der Wahrheit und geschmäht als Agent des Bösen. Was war für Sie das schönste Erlebnis dieser Synode?

Kardinal Walter Kasper: Die Freiheit der Rede. Denn das ist in Rom relativ neu und hat mich an das Konzil erinnert.

ZEIT ONLINE: Sie meinen das Zweite Vatikanum, das große Reformkonzil in den sechziger Jahren.

Kasper: Ja. Jeder durfte damals offen sagen, was er denkt. Wir waren lebendig. So auch jetzt. Außerdem habe ich mich über den neuen Realismus gefreut. Die Bischöfe aus aller Welt haben ehrlich geschildert, wie die Situation der Kirche ist, egal ob gut oder schlecht.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Angriffe auf ihre eigene Position ausgehalten? Ein Kollege warf Ihnen vor, Sie würden das Gift des Bösen verbreiten. 

Kasper: (lacht) Aber hinterher haben wir uns doch die Hand geschüttelt. Natürlich gab es unterschiedliche Positionen, aber insgesamt ging es sehr brüderlich zu. Das hat mir gefallen und gutgetan.

ZEIT ONLINE: Nun ist ja die Realität, um die es ging, für Rom durchaus unerfreulich. Das Kirchenvolk hält sich oft nicht mehr an die Glaubenslehre. Diejenigen Kardinäle und Bischöfe, die Verständnis für die einfachen Katholiken zeigten, so wie Sie, ernteten auch Buhrufe.

Kasper: Wirklich? Ich habe keine Buhrufe gehört. Aber wenn es Schwierigkeiten gibt, muss man sich halt zusammenraufen. Damit sind wir noch nicht am Ende. Wir haben nach dieser Synode noch ein ganzes Jahr Zeit bis zur nächsten Zusammenkunft.

ZEIT ONLINE: Am Ende hat die Synode sich bei zwei Themen nicht geeinigt: Wie willkommen sind die Homosexuellen in der Kirche? Und dürfen Geschiedene, die neu verheiratet sind, zum Abendmahl? Für Letzteres hatten Sie selbst plädiert. Sind Sie enttäuscht?

Kasper: Ich hätte mir auch ein paar Stimmen mehr gewünscht. Aber wir haben in nur drei von 62 Punkten nicht die Zweidrittelmehrheit bekommen. Auch für die strittigen Punkte gab es eine starke relative Mehrheit. Das war also keine Katastrophe. Ich bin zuversichtlich, nächstes Jahr weiterzukommen.

Immerhin wurde das Problem diskutiert

ZEIT ONLINE: Anfang dieses Jahres hatten Sie im Auftrag des Papstes eine wegweisende Rede über Ehe und Familie gehalten. Da gab es noch heftigen Widerstand der Kurie. Man wollte verhindern, dass Ihr Text erscheint. Und jetzt?

Kasper: Wurde das Problem diskutiert. Immerhin! Wenn die kirchliche Verkündigung an der Basis nicht mehr gelebt wird – das ist schlimm. Die Synode wollte bewirken, dass die einfachen Katholiken sich wieder für das interessieren, was in Rom gesagt wird. Es erinnert mich an die alte Kirche, wo die Leute anlässlich der Konzilien auf den Marktplätzen stritten. Das ist schon mal ein Riesenfortschritt.

ZEIT ONLINE: Das wichtigste Streitthema jetzt war in Ihrer ursprünglichen Familienrede vom Februar nur ein Appendix. Worum geht es Ihnen wirklich?

Kasper: In dem letzten Teil meiner Rede ging es um die wiederverheirateten Geschiedenen, ich habe nach einer Lösung gefragt, wie sie zum Abendmahl zugelassen werden können.

ZEIT ONLINE: Was in der Praxis sowieso dauernd geschieht.

Kasper: Ich wollte einen theologischen Weg finden, um sie nicht von vornherein von den Sakramenten auszuschließen. Das wurde kontrovers diskutiert. Ich war darüber nicht ganz glücklich, es schien mir nur ein Thema von vielen. Aber dann hat es sich als Schlüsselproblem erwiesen.

ZEIT ONLINE: Wie verlief die Synode?

Kasper: Neu war, dass es nicht nur eine Synode sein sollte, sondern ein synodaler Prozess. Wir sortieren jetzt die Probleme, diskutieren sie in Rom, dann wieder auf der ortskirchlichen Ebene, in den Bischofskonferenzen, den Diözesen, Pfarreien. Und erst dann fällen wir Entscheidungen. Der Papst hat diesmal fast nur zugehört, aber am Ende eine befreiende Rede gehalten.