ZEIT ONLINE: Herr Kasper, Sie haben dramatische Tage hinter sich. Sie wurden gefeiert als Anwalt der Wahrheit und geschmäht als Agent des Bösen. Was war für Sie das schönste Erlebnis dieser Synode?

Kardinal Walter Kasper: Die Freiheit der Rede. Denn das ist in Rom relativ neu und hat mich an das Konzil erinnert.

ZEIT ONLINE: Sie meinen das Zweite Vatikanum, das große Reformkonzil in den sechziger Jahren.

Kasper: Ja. Jeder durfte damals offen sagen, was er denkt. Wir waren lebendig. So auch jetzt. Außerdem habe ich mich über den neuen Realismus gefreut. Die Bischöfe aus aller Welt haben ehrlich geschildert, wie die Situation der Kirche ist, egal ob gut oder schlecht.

ZEIT ONLINE: Wie haben Sie die Angriffe auf ihre eigene Position ausgehalten? Ein Kollege warf Ihnen vor, Sie würden das Gift des Bösen verbreiten. 

Kasper: (lacht) Aber hinterher haben wir uns doch die Hand geschüttelt. Natürlich gab es unterschiedliche Positionen, aber insgesamt ging es sehr brüderlich zu. Das hat mir gefallen und gutgetan.

ZEIT ONLINE: Nun ist ja die Realität, um die es ging, für Rom durchaus unerfreulich. Das Kirchenvolk hält sich oft nicht mehr an die Glaubenslehre. Diejenigen Kardinäle und Bischöfe, die Verständnis für die einfachen Katholiken zeigten, so wie Sie, ernteten auch Buhrufe.

Kasper: Wirklich? Ich habe keine Buhrufe gehört. Aber wenn es Schwierigkeiten gibt, muss man sich halt zusammenraufen. Damit sind wir noch nicht am Ende. Wir haben nach dieser Synode noch ein ganzes Jahr Zeit bis zur nächsten Zusammenkunft.

ZEIT ONLINE: Am Ende hat die Synode sich bei zwei Themen nicht geeinigt: Wie willkommen sind die Homosexuellen in der Kirche? Und dürfen Geschiedene, die neu verheiratet sind, zum Abendmahl? Für Letzteres hatten Sie selbst plädiert. Sind Sie enttäuscht?

Kasper: Ich hätte mir auch ein paar Stimmen mehr gewünscht. Aber wir haben in nur drei von 62 Punkten nicht die Zweidrittelmehrheit bekommen. Auch für die strittigen Punkte gab es eine starke relative Mehrheit. Das war also keine Katastrophe. Ich bin zuversichtlich, nächstes Jahr weiterzukommen.

Immerhin wurde das Problem diskutiert

ZEIT ONLINE: Anfang dieses Jahres hatten Sie im Auftrag des Papstes eine wegweisende Rede über Ehe und Familie gehalten. Da gab es noch heftigen Widerstand der Kurie. Man wollte verhindern, dass Ihr Text erscheint. Und jetzt?

Kasper: Wurde das Problem diskutiert. Immerhin! Wenn die kirchliche Verkündigung an der Basis nicht mehr gelebt wird – das ist schlimm. Die Synode wollte bewirken, dass die einfachen Katholiken sich wieder für das interessieren, was in Rom gesagt wird. Es erinnert mich an die alte Kirche, wo die Leute anlässlich der Konzilien auf den Marktplätzen stritten. Das ist schon mal ein Riesenfortschritt.

ZEIT ONLINE: Das wichtigste Streitthema jetzt war in Ihrer ursprünglichen Familienrede vom Februar nur ein Appendix. Worum geht es Ihnen wirklich?

Kasper: In dem letzten Teil meiner Rede ging es um die wiederverheirateten Geschiedenen, ich habe nach einer Lösung gefragt, wie sie zum Abendmahl zugelassen werden können.

ZEIT ONLINE: Was in der Praxis sowieso dauernd geschieht.

Kasper: Ich wollte einen theologischen Weg finden, um sie nicht von vornherein von den Sakramenten auszuschließen. Das wurde kontrovers diskutiert. Ich war darüber nicht ganz glücklich, es schien mir nur ein Thema von vielen. Aber dann hat es sich als Schlüsselproblem erwiesen.

ZEIT ONLINE: Wie verlief die Synode?

Kasper: Neu war, dass es nicht nur eine Synode sein sollte, sondern ein synodaler Prozess. Wir sortieren jetzt die Probleme, diskutieren sie in Rom, dann wieder auf der ortskirchlichen Ebene, in den Bischofskonferenzen, den Diözesen, Pfarreien. Und erst dann fällen wir Entscheidungen. Der Papst hat diesmal fast nur zugehört, aber am Ende eine befreiende Rede gehalten.

"Sünden gab es immer"

ZEIT ONLINE: Er hat heftig gegen die katholischen Rigoristen gewettert. Die verteufelten bisher gern die moderne Welt und behaupteten, bestimmte Modernisierungsprobleme habe nur Westeuropa, insbesondere das protestantisch angehauchte Deutschland. Und jetzt?

Kasper: Die Behauptung wurde widerlegt. Wir sehen, dass es überall auf der Welt Säkularisierungs- und Modernisierungsprozesse gibt, ausdrücklich auch in Afrika und Asien. Die Kulturen sind zwar verschieden. Und das Armutsproblem ist außerhalb Europas viel gravierender, da gibt es eine neue Form von Kolonialismus, der die Familien massiv belastet. Und in mehrheitlich muslimischen Ländern gibt es erhebliche Spannungen in Mischehen zwischen Christen und Muslimen. Aber bei allen Unterschieden gibt es doch eine große Übereinstimmung, was man als das Wesen der Ehe ansieht und wie sie gefährdet ist.

ZEIT ONLINE: Überall in der Welt lassen Katholiken sich scheiden. Überall leben Katholiken ohne Trauschein zusammen. Was soll die Kirche da tun?

Kasper: Sünden gab es immer. In Moralfragen hat die Menschheit sich nie ganz lehrkonform verhalten. Heute haben die Hirten mehr denn je die Aufgabe, das Ohr am Volk zu haben. Sie sollen nicht von einer rein abstrakten Lehre ausgehen, sondern von der konkreten Erfahrung und sie im Licht des Evangeliums deuten. Für Ehe und Familie sind die ersten Fachleute eigentlich die Familien selber. Ich hoffe, dass sie in der nächsten Synode mehr gehört werden.

ZEIT ONLINE: Die Pfarrer vor Ort gehen mit den Problemen natürlich längst um, sie lösen sie jeden Tag. Hinkt der Vatikan da nicht hoffnungslos hinterher?

Gemeinsame Kriterien, die auch lebbar sind

Kasper: Das ist der Eindruck. In den zehn Jahren als Bischof war ich jede Woche mit Pfarrern zusammen, seither habe ich viel mit Beichtvätern gesprochen, die jede Woche viele Stunden die privatesten Sorgen der Menschen hören. Sie müssen wir in Rom ernst nehmen und offen besprechen – auch um den Pfarrern zu helfen. Wir müssen nicht jede Detailfrage lösen, aber gemeinsame Kriterien haben, die auch lebbar sind.

ZEIT ONLINE: Mit dem Thema Beichte ist jetzt eine Kategorie angeklungen, die im Synodenpapier nicht vorkommt: die Sünde. Warum?

Kasper: Wenn man von Beichte und Barmherzigkeit spricht, setzt man voraus, dass es Sünde gibt. Das erfährt jeder an sich selber, dass er dem Gebot Gottes nicht voll gerecht wird, und das nennt man Sünde. Und es gehört zur Ehrlichkeit, auch zur Personwerdung des Menschen, zu seinen Fehlern zu stehen. Das Schöne am Christentum ist: Wer sich dazu bekennt, wer bereut, dem wird vergeben. Die Formel Absolvo te heißt: Gott vergibt dir deine Sünden. Und das wiederum heißt: Du darfst neu anfangen. Das kann kein Psychologe sagen.

ZEIT ONLINE: Sie haben im Vorfeld der Synode gesagt, das Evangelium sei kein Strafgesetzbuch. Was meinten Sie damit?

Kasper: Das Evangelium ist ein Ja zum Menschen. Gott bejaht uns. Gott will unser Bestes. Und hier macht die Synode eine Kurskorrektur: Wir wollen mehr beim Menschen und dem, was positiv an ihm ist, ansetzen. Kein Mensch ist nur schlecht, aber er soll im Guten wachsen.

ZEIT ONLINE: In Rom war von Revolution die Rede.

Kasper: Ich nenne es Paradigmenwechsel. Wir gehen nicht mehr von einer abstrakten Lehre aus und stülpen sie den Menschen über, sondern begleiten sie auf dem Weg zum guten und glücklichen Leben.

ZEIT ONLINE: Ist das ein Aufbruch?

Kasper: Ich hoffe, ja. Die Kirche selber ist mit den Menschen auf dem Weg. Nach vorn, nicht nach rückwärts. Das bringt Hoffnung und Aufatmen. Sie müssen bedenken: Auch die großen Heiligen der Kirchengeschichte sind ja nicht vom Himmel gefallen. Auch die mussten einen langen Weg gehen bis zur Vollkommenheit. Und das Ideal wird niemand ganz erreichen.

Viele Katholiken passen nicht in die Schablonen des Kirchenrechts

ZEIT ONLINE: Wie erging es Ihnen beim Verteidigen Ihrer Sicht in der Synode?

Kasper: Viele, die aus der Seelsorge kommen, haben mir zugestimmt. Sie wissen, dass ein Großteil der Katholiken nicht in die Schablonen des Kirchenrechtes passt, Geschiedene, Unverheiratete und viele andere. Dann gab es auch Synodenteilnehmer, die an einer starren Auffassung der kirchlichen Lehre festhalten. Das muss man zur Kenntnis nehmen.

ZEIT ONLINE: Gegen Ende der Synode haben reaktionäre Kreise versucht, Sie öffentlich zu diffamieren.

Kasper: Es war so: Beim Verlassen der Synode am Dienstagabend haben mich zwei mir bekannte Journalisten des englischen Tablet angesprochen und wir hatten eine Plauderei; ein dritter kam hinzu, den ich nicht kannte. Es war ein lockeres Gespräch auf Englisch. Von Interview war keine Rede; es fragte auch keiner, ob man das aufnehmen oder veröffentlichen könne. Doch der dritte, den ich nicht kannte, scheint das Gespräch heimlich aufgenommen und dann ohne mein Wissen und vollends ohne Autorisation verbreitet zu haben. 

ZEIT ONLINE: Sie hatten gesagt, dass Homosexualität in Afrika noch ein Tabu sei, und man deshalb mit den afrikanischen Bischöfen schwer darüber reden könne.

Kasper: Manche Medien versuchten, meine Aussage rassistisch gegen die Afrikaner zu drehen. Das ist mir – auch aufgrund vieler Afrika-Aufenthalte – völlig fremd. Falls ein Afrikaner das so verstanden haben sollte, täte mir das leid. Es scheint aber eher so zu sein, dass auf der rechten Seite des katholischen Spektrums die Nerven blank liegen und jede Methode gut genug ist, um die Reformer zu diffamieren.

ZEIT ONLINE: Warum wurden die Paragrafen zur Homosexualität abgelehnt?

Kasper: Er wurde im endgültigen Text sehr abgeschwächt. Wir stimmen aber überein: Diskriminierung ist ausgeschlossen, Homosexuelle sind als Person zu respektieren. Wir müssen dafür sorgen, dass sie ihren Platz haben in der Kirche. Dass sie dazu gehören, steht völlig außer Frage. Sie sind Kinder Gottes und gehören zur Familie Gottes.

"Franziskus sagt: Verwandelt das Brot nicht in Steine!"

ZEIT ONLINE: In der Synodendiskussion wurde das Wort moniert, das sagte, die Homosexuellen werden willkommen geheißen. Sind sie nun willkommen oder nicht?

Kasper: Sie sind auf jeden Fall willkommen in der Kirche – selbstverständlich. Eine homosexuelle Verbindung ist für uns jedoch nicht der Ehe zwischen Mann und Frau gleichzustellen. Da gilt es zu unterscheiden, aber nicht persönlich abzuwerten.

ZEIT ONLINE: Ist Homosexualität Sünde?

Kasper: Die homosexuelle Orientierung also solche ist selbstverständlich keine Sünde. Die moralische Beurteilung kann sich nur auf die Praxis beziehen. Dabei möchte ich über das subjektive Gewissen des Einzelnen nicht urteilen. Da sollen wir statt zu verurteilen bei uns selber anfangen.

ZEIT ONLINE: Was sagen Sie denn denjenigen Wiederverheirateten, die auf eine Lösung bei den Sakramenten gehofft haben und jetzt enttäuscht sind?

Kasper: Eine Entscheidung war in dieser ersten Phase der Synode gar nicht vorgesehen. Die jetzt zu Ende gegangene Phase der Synode ist nicht das letzte Wort. Wir bleiben dran. Wir nehmen euer Anliegen ernst und werden im nächsten Jahr hoffentlich abschließend zu einer breiten Mehrheit finden.

ZEIT ONLINE: Und was sagt der Papst dazu?

Kasper: Erstens, der Papst wollte eine offene Diskussion. Daran sind viele nicht gewöhnt. Zweitens: Er hat die Diskussion mit großer Aufmerksamkeit verfolgt und nicht eingegriffen. Drittens: Er hat den Synodenvätern klar gepredigt: Hütet euch vor Heuchelei! Seid barmherzig! 

ZEIT ONLINE: Verurteilt nicht!

Kasper: Ja. Schon Johannes XXIII. hat der Kirche beim letzten Konzil ins Stammbuch geschrieben: Es geht heute nicht darum, die Waffen der Strenge zu benutzen, sondern die Medizin der Barmherzigkeit. Franziskus sagt: Verwandelt das Brot nicht in Steine!