"Buenos días a todos!" So krächzt es an diesem Morgen auf Spanisch durch die Lautsprecher in der Synodenaula im Vatikan. Die letzten Töne des gesungenen Morgengebets sind gerade verklungen. 184 Bischöfe und Kardinäle sitzen auf ihren gepolsterten Sesseln, die Gebetshefte rascheln in ihren Händen. "Buongiorno a tutti", sagt dann auch Kardinal Lorenzo Baldisseri, der Generalsekretär der Bischofssynode. In einem Gremium, dessen offizielle Sprache beim letzten Treffen noch Latein war, klingen schon ganz normale Begrüßungen revolutionär.

Der Grund für diese Normalität sitzt neben dem Generalsekretär mit aufgestützten Ellbogen und gefalteten Händen an einem Tisch, der dem Plenum gegenübersteht. Seinen Kopf stützt er auf den Händen ab, sein Blick geht nach unten. Papst Franziskus – er hat Latein als offizielle Synodensprache abgeschafft – lässt seinen Gemütszustand nicht erraten. Er hört den ganzen Tag aufmerksam zu.

Knapp zwei Wochen lang haben die Teilnehmer bei der Sondersynode  über die "Pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung" debattiert. Eigentlich sollen die Bischöfe in einer Synode den Papst bei wichtigen Themen beraten. Aber diesmal wirkt es so, als habe Franziskus einen Plan im Kopf, den er die Bischöfe langsam verwirklichen lässt. Der Pastor hat seiner Herde den Trampelpfad gewiesen. Erst murrten einige Schafe, weil sie den Weg nicht gehen wollten. Aber nun sieht es so aus, als trottete die Herde bedächtig und ohne Umwege ins Ziel. Das Ziel lautet: Normalität und Offenheit. Franziskus will, dass sich seine Kirche der Welt öffnet, dass sie mehr Ja als Nein sagt. Dass sie ihren erhobenen Zeigefinger eintauscht gegen ausgebreitete Arme.

"Wir müssen normal sein." So hatte es Franziskus im Juli vor einem Jahr auf dem Rückflug vom Weltjugendtag in Rio de Janeiro gesagt. Also geht der Papst während der Synode jeden Morgen zu Fuß den kurzen Weg von seiner Herberge im Gästehaus Santa Marta hinüber zur Audienzhalle, in deren erstem Stockwerk die Synodenaula liegt. Die beiden Schweizergardisten am Eingang schlagen laut hörbar ihre Hacken zusammen, als der Papst eintritt. Der geht auf die Hellebardenträger mit ihren bunten Michelangelo-Uniformen und ihren unbeweglichen Gesichtern zu und reicht ihnen die Hand. Meist erscheint der Papst schon eine Viertelstunde vor Sitzungsbeginn. So hat er noch Zeit, auch die Synodenväter persönlich zu begrüßen.

Dieser Text stammt aus der Christ & Welt-Ausgabe 43/14

Drinnen in der Aula zieht er eine Packung Alfajores-Kekse aus der Tasche, eine Art Prinzenrolle aus Argentinien, und verteilt die Süßigkeiten an seine Nebenmänner. "Extrem gut", sagt der junge und immer gut gelaunt wirkende Kardinal Luis Antonio Tagle aus Manila über die süßen Gaben. Dies ist die Atmosphäre, in der die versammelte Führung der katholischen Kirche im Jahr 2014 über Themen spricht wie Ehe, Familie, Homosexualität, Empfängnisverhütung oder die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion.

Zur Mittagszeit strömen die Synodenväter aus der Aula. Viele Bischöfe kommen zu Fuß aus dem Petrianus-Tor, unter ihnen sind auch die Präfekten der Kongregationen im Vatikan, die über den Petersplatz hinüber in ihre Büros oder zum Mittagessen laufen. Ein wuchtiger schwarzhaariger Prälat tritt aus dem Tor. Es ist der brasilianische Kurienkardinal und Präfekt der Ordenskongregation, João Braz de Aviz, dem Kenner beim Konklave 2013 gute Chancen einräumten, selbst Papst zu werden. Braz de Aviz strahlt, als er sagt: "Franziskus hat uns ein bisschen befreit." Der Brasilianer stellt sich eine Kirche vor, wie sie auch Jorge Mario Bergoglio aus Argentinien vorschwebt. "Die Methode hat sich geändert. Es geht jetzt weniger um Autorität als ums Zuhören", sagt Braz de Avis über den neuen Geist der Synode. Er trägt ein hölzernes Kreuz auf der Brust. Franziskus eines aus Blech.  

"Diese Offenheit ist neu"

Offenheit und Zuhören. Nie wurden diese Begriffe in den vergangenen Jahrzehnten am Petersplatz und seiner näheren Umgebung so strapaziert wie in diesen Tagen. Die täglichen Pressebriefings des Vatikans, bei denen beflissene Priester versuchen, ihre Institution im besten Licht erscheinen zu lassen, die aber auch eine tägliche Konfrontation der Kirche mit der Wirklichkeit draußen sind, wirken wie eine Hymne an die Aufgeschlossenheit. "Da findet ein wirklicher Dialog statt", berichtet der für die englischsprachigen Journalisten zuständige Pater Thomas Rosica. Die Synodenväter gingen in ihren Stellungnahmen sogar auf Redebeiträge anderer ein. "Diese Offenheit ist neu bei der Synode", sagt Rosica. "Sie haben alle gemerkt, dass das Zuschlagen der Türen nicht weiterführt", sagt ein Beobachter, der mit im Synodensaal sitzt.

Auch beim strittigsten aller Themen nehmen die Parteien kein Blatt vor den Mund. Wie erwartet hat sich der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, gegen die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion ausgesprochen. Es wird diskutiert. "Aber die gleichen Leute gehen danach gemeinsam die Treppe runter und reden weiter. Das ist eine sehr offene, kollegiale Atmosphäre", berichtet Pater Bernd Hagenkord, der die Synode für Radio Vatikan beobachtet. Auch die Hardliner fühlen sich offenbar sicher. So sagt der australische Kardinal George Pell, der von Franziskus mit der Leitung des neuen Wirtschaftssekretariats beauftragt wurde, aber ein Traditionalist und entschiedener Gegner jedweder Öffnung der Kirche ist: "Es herrscht ein Klima der Freiheit. Man kann auch vor dem Heiligen Vater ganz offen reden."

Da schwebt aus dem Petrianus-Tor Beniamino Stella heran. Der feinsinnige Italiener mit der zarten Stimme stammt aus der Diplomatenriege des Vatikans. Franziskus ernannte ihn in einer seiner ersten wegweisenden Personalentscheidungen zum Präfekten der bedeutenden Kleruskongregation und machte ihn im letzten Konsistorium zum Kardinal. Stella löste in der Kleruskongregation den von Benedikt XVI. berufenen Traditionalisten Mauro Piacenza ab. Auf die Frage, wie Franziskus den neuen Stil im Kollegium gefördert habe, klopft sich Stella mit der flachen Hand auf die Brust, erhebt den Blick zum Himmel und sagt: "Er hat es uns am Anfang gesagt. Er hat mit Worten und Gesten eine neue Atmosphäre in der Synode geschaffen."