Diese Nachricht der vergangenen Tage erschien eher versteckt und wurde öffentlich kaum wahrgenommen. Dabei müsste sie gewaltiges Erschrecken auslösen. Sie rüttelt an unserer freiheitlichen Grundordnung: Jeder dritte Jurastudent, so eine neue Studie, ist für die Wiedereinführung der Todesstrafe. Und jeder zweite meint, die Anwendung von Folter sei unter bestimmten Voraussetzungen durchaus gerechtfertigt, zum Beispiel zur Rettung eines Menschenlebens oder zur Verhinderung eines Terroranschlags. Ausgerechnet jene, die eines nicht allzu fernen Tages unser Recht auslegen, anwenden und verteidigen sollen, stellen derart fundamentale Prinzipien wie das ausnahmslose Verbot von Todesstrafe und Folter in Frage.

Zugegeben, die Untersuchung des Erlanger Strafrechtsprofessors Franz Streng ist nicht repräsentativ für die Gesamtheit der deutschen Jurastudenten, sondern erstreckt sich nur auf die Rechtsschüler in Erlangen und Konstanz. Gleichwohl ist sie furchterregend. Denn seit 1989 stellt der Kriminologe Streng, wie der Tagesspiegel berichtet, den Studenten des Erst- und Zweitsemesters immer dieselben Fragen. Seit der ersten Erhebung hat sich die Zustimmung zu Todesstrafe und Folter rasant erhöht. Ähnliches berichten nach Stichproben auch Professoren anderer Universitäten.

"Die Todesstrafe ist abgeschafft", so steht es im Grundgesetz. Und selbst wenn es dort nicht explizit erwähnt wäre, dürfte sie nicht wiedereingeführt werden. Denn die Todesstrafe verstößt gegen die Menschenwürde und das Persönlichkeitsrecht, deren Kern besagt, dass ein Mensch niemals zum Objekt staatlichen Handelns werden darf. Aus demselben Grund ist auch die Folter verboten.

Mit anderen Worten: Befindet sich ein Verbrecher, egal wie schlimm er ist, bereits in der Gewalt des Staates, darf ihm der Staat nicht das Leben nehmen und darum auch nicht zum Tode verurteilen. Ebenso wenig darf er ihn in einem Polizeiverhör foltern, selbst wenn er sich dadurch erhofft, wahrheitsgemäße Aussagen zu erpressen, die vielleicht ein anderes Menschenleben retten könnten.

Deshalb musste sich auch vor etlichen Jahren Frankfurts damaliger stellvertretender Polizeipräsident vor einem Strafgericht verantworten. Wolfgang Daschner hatte durch einen Kollegen dem verhafteten Jurastudenten Magnus Gäfgen Folter androhen lassen, um so herauszufinden, wo Gäfgen sein Entführungsopfer versteckt hielt.

Todesstrafe und Folter verstoßen nicht nur gegen unsere Verfassung. Das Verbot gehört auch zum ehernen Wertekanon der Europäischen Union. Artikel 3 der Europäischen Menschenrechtskonvention (EMRK) stellt ausnahmslos klar: "Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung oder Strafe unterworfen werden." Zwar lässt Artikel 2 der EMRK die Todesstrafe zu, aber in zwei Zusatzprotokollen haben sich sämtliche EU-Staaten dazu verpflichtet, die Todesstrafe abzuschaffen. Und nur wer dieser Pflicht nachkommt, darf Mitglied in der Union werden. In Artikel 1 des 13. Zusatzprotokolls heißt es seit 2002: "Die Todesstrafe ist abgeschafft. Niemand darf zu dieser Strafe verurteilt oder hingerichtet werden." Abweichungen und Vorbehalte sind ausdrücklich verboten.

Gerade Deutschland macht sich seit jeher besonders stark für die weltweite Ächtung von Folter und Todesstrafe. Seit 2009 kontrolliert die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter regelmäßig und unangekündigt Gewahrsamseinrichtungen des Bundes und der Länder auf Missstände – Gefängnisse, psychiatrische Anstalten und Polizeidienststellen.

Auch das Verbot der Todesstrafe nehmen wir äußert ernst. So liefern wir einen von Amerika gesuchten Verbrecher nur dann an die dortige Justiz aus, wenn zugesichert wird, dass gegen ihn nicht die Todesstrafe vollstreckt wird. Erst vor ein paar Wochen, zum internationalen Tag gegen die Todesstrafe am 10. Oktober, forderte der Bundestag auf Antrag von Union und SPD die Bundesregierung auf, "Initiativen für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe voranzutreiben und zu unterstützen bzw. – als Zwischenschritt – für ein Moratorium zu werben, insbesondere bei den Staaten China, Iran, Irak, Saudi-Arabien, USA, Japan, Somalia, Sudan und Jemen".

Und nun das: Ein Teil unserer zukünftigen Gralshüter des Rechts zieht diese fundamentalen und in Stein gemeißelten Wertüberzeugungen in Zweifel. Sie dürften im Grunde niemals Richter, Staatsanwalt oder Kriminalkommissar werden. Sie sind nicht nur, wie einige warnen, die neue Generation der "Richter Gnadenlos". Sie sind Verfassungsfeinde.