Zeugen Jehovas singen in Paris (Archivbild). © Bertrand Guay/AFP/Getty Images

Feigling nannte einer der Jungs Misha Anouk, als er keine Blutsbrüderschaft schließen wollte beim Winnetou- und Old-Shatterhand-Spiel. Dabei hatte er gar keine Angst, er durfte als Zeuge Jehovas nur kein Blut annehmen oder spenden. Anouk schreibt, er sei immer sicher gewesen, dass seine Eltern ihn liebten; aber auch, dass sie ihn für ihren Glauben sterben lassen würden.

Anouk  ist Jahrgang 1981 und heute kein Zeuge Jehovas mehr. Über seinen Ausstieg hat er ein Buch geschrieben, Goodbye Jehova! heißt es. 

Seine Eltern waren vor der Familiengründung beide Missionare, sein Vater ist noch heute eine lokale Führungsperson, ein sogenannter Ältester. Anouk wurde hineingeboren in die "Wahrheit", wie die Zeugen ihre Lehre nennen. Er beschreibt, wie selbstverständlich die Glaubensinhalte und Pflichten in seiner Kindheit für ihn waren, wie aufreibend sie dann in der Jugend wurden und wie traumatisch das Leben nach den Zeugen Jehovas zunächst war. 

Er duzt seine Leser, als wolle er sie missionieren – allerdings gegen die Sekte, deren Mitglied er einst war. Immer wieder rutscht seine Wut in den Text: darüber, dass die Mächtigen unter den Zeugen "diese Lügen, diesen Mythos" weiter verbreiten. Manchmal wird er polemisch und ausschweifend, wenn er beschreibt, wie wirr und widersprüchlich die Lehren sind. Trotzdem zeigt seine Geschichte, wie gut das System der Zeugen Menschen manipulieren kann.

Die freundlichen, vielleicht ein wenig aufdringlichen Zeugen Jehovas beuten ihre Mitglieder weder finanziell noch sexuell aus und treiben sie auch nicht in den kollektiven Selbstmord. Systematische Gehirnwäsche gibt es nicht. Doch sie kontrollieren das Bewusstsein ihrer Mitglieder sehr effektiv, wie es für Sekten typisch ist. 

Kind sein bei den Zeugen Jehovas

Anouk beschreibt seine Kindheit als glücklich. Seine Eltern waren liebevoll und gaben sich Mühe, den Kindern mit Festen, Ausflügen und Videoabenden ein schönes Leben zu bieten. An Familientagen verteilten die Eltern Geschenke, um Weihnachten und Geburtstage zu kompensieren, die bei den Zeugen Jehovas keine Feste sind.

Selbst in der Machtzentrale der Zeugen Jehovas sitzen laut Anouk in der Regel keine boshaften Menschen. Die Zentrale nennt sich "leitende Körperschaft" oder "der treue und verständige Sklave" und gibt von oben nach unten durch, was als Wahrheit zu gelten hat. Sie hätten keinen Vorsatz, den Mitgliedern Angst einzujagen oder sie zu unterdrücken.

Die meisten glaubten tatsächlich, Menschen durch Missionierung vor einem grausamen Tod zu retten. Sie glaubten, dass alle Mühen in eine riesige Belohnung münden, im Paradies, das sich nach dem Armageddon, dem großen Massaker, nur ihnen öffnet.

Einige wenige, strenge Verbote gebe es, schreibt Anouk. In seiner Kindheit in den achtziger Jahren zählte dazu auch das Verbot, Bluttransfusionen anzunehmen. Ebenso verboten ist schwere Trunkenheit und "widernatürlicher und unsittlicher Gebrauch der Genitalien", also Sex außerhalb der Ehe oder in homosexuellen Beziehungen. Das Übertreten dieser Verbote kann zum Ausschluss führen, wenn der Sünder nicht bereut.