Seit zwei Stunden stehen die Demonstranten in Berlin-Marzahn still und schreien unmotivierte Parolen. "Marzahn will kein Asylantenheim!", rufen eine handvoll Männer mit Glatzen und schwarzen Kapuzen. "Hey, Hellersdorf auch nicht!", ruft einer, der direkt vor ihnen steht, gebärdet sich dazu wie ein Gorilla und lacht. Der Chor singt diffus weiter. Marzahn will ihren Gesängen zufolge keine Asylbewerber, Hellersdorf auch nicht, einige singen gar von Berlin oder gleich ganz Deutschland. Die Stimmung ist ausgelassen. Nur ungefähr 150 Demonstranten sind übrig, alle anderen sind bereits gegangen. Es ist ein zusammengemischter Haufen aus Rechtsradikalen, betagten Anwohnern und jungen Menschen mit Unterlippenpiercing und gelb gefärbten Haaren. Ein einsamer Rocker bahnt sich seinen Weg durch die schwindende Menge. Um den Pulk stehen mehr Polizisten als Demonstranten.

Den gesamten Weg von der S-Bahnstation Raoul-Wallenberg-Straße bis hin zur Demonstration, einen knappen Kilometer lang, begegnet man Gegendemonstranten, Sprechgesängen und lauter Musik. Tausende von Menschen sind es, die die Demonstranten umstellt haben. Nichts bewegt sich. Wann immer man sich für eine Route entscheidet, sind die Gegendemonstranten schneller und blockieren den Weg.  

"Mein Kleiner ist erst ein paar Monate alt, der weckt uns jede Nacht", erzählt ein weiterer Mann ohne Haare seinen Freunden. Ein paar Schritte weiter berichtet eine Frau einer anderen von irgendeiner Veränderung der Produkte im REWE bei ihr um die Ecke. Ganz vorn, den Gegendemonstranten zugewandt, stehen Männer mit Megafonen und schreien ihnen "Muschi!" zu. Diejenigen, die weiter hinten stehen, rufen gar nichts. An einigen Stellen zieht sich eine Urinspur von den Gartenzäunen in auf den Gehweg.

Auf die Frage, was sie da machen, antworten die normal Gekleideten, dass Deutschland für so etwas kein Geld habe. Auf einem Transparent steht "Flüchtlinge aus aller Welt aber für die Arche kein Geld". Man habe ja nichts gegen Einwanderer, aber durchfüttern wolle man sie auch nicht. Und dass da auch viele Kriminelle dabei sind, wüsste man ja. Die Männer mit Glatzen möchte man nicht fragen, warum sie mitten im November in der eisigen Kälte auf der Straße stehen. Man möchte sie eigentlich gar nichts fragen. Und selbst wenn man wollte, sind diese viel zu beschäftigt damit, die durch Tramgleise, Straße und Polizeiblockade von ihnen getrennten Gegendemonstranten anzubrüllen. Man sieht sie nicht, aber man hört sie klar und deutlich. Irgendwo hinter den großen Polizeiwagen müssen sie stehen.