Der Grünen-Europa-Politiker Daniel Cohn-Bendit war besonders umstritten in der Pädophilie-Debatte. © Fred Dufour/AFP/Getty Images

Hatte der Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit Recht, als er sagte, zwar sei es falsch gewesen, dass Grüne in ihren Anfangsjahren Pädophilie hätten legalisieren wollen – aber so sei der Zeitgeist nun mal gewesen? Waren die Grünen Opfer der damals üblichen Debatten und irreführender Ansichten? Oder haben zumindest Teile der Partei in den 1980er Jahren Propagandisten des Kindermissbrauchs oder gar Tätern eine unzulässige Bühne verschafft?

Der heute vorgelegte Abschlussbericht des Göttinger Parteienforschers Franz Walter über Die Grünen und die Pädosexualität. Eine bundesdeutsche Geschichte beschreibt diesen Zeitgeist sehr differenziert. Er stellt die Debatte um Pädosexualität und den Streit um eine Mitverantwortung der Grünen für die Fehlentwicklungen in einen größeren historischen Rahmen. Die Grünen hätten sich damals zwar selbst immer wieder gerne als Vordenker der sexuellen Revolution in einer sexualfeindlichen, verklemmten BRD präsentiert, heißt es in der Studie, die die Grünen selbst in Auftrag gegeben hatten. Das Thema war aber Ende der 1970er Jahre, als die Grünen sich gründeten, längst selbst in westdeutschen Dörfern angekommen. Und die Forderung, Sex zwischen Kindern und Erwachsenen zu legalisieren, gab es immerhin auch schon lange zuvor.

Stephan Klecha, Mitautor des Berichts, nennt als einen Grund, warum die Grünen bereit waren, diese Strömung aufzunehmen, ihre anfängliche generelle Affinität zu Minderheiten – egal, welches Anliegen die vertraten. Eine andere Ursache sei ihre Wissenschaftsgläubigkeit gewesen. Gerne gelesen wurde in den 1960er und 1970er Jahren im links-alternativen Milieu, aus dem die Partei erwuchs, der wiederaufgelegte Freud-Schüler Wilhelm Reich. Der hatte allen, die freien Sex praktizierten, bescheinigt, aufgeklärte Menschen und gute Antifaschisten zu sein. Eine befreite Sexualität auch der Kinder sollte nach seiner Ansicht zu einer herrschaftsfreien Gesellschaft führen, in der die Menschen ohne Neurosen und Psychosen leben könnten. Solche Gedanken übernahmen damals nicht nur Grüne.

Antipädagogik und Wilhelm Reich

Auch die Kinderrechtsbewegung und die sogenannte Antipädagogik in den Erziehungswissenschaften, die Kinder mit Erwachsenen gleichstellen wollte, waberte in den 1970er Jahren durch diverse links-libertäre Gruppen. Deren Bild von Kindheit war einerseits romantisch. Andererseits musste man "gleichberechtigte" Kinder nicht mehr vor Missbrauch beschützen, sie würden ja selbst ja oder nein sagen können, so die im Rückblick verdrehte Logik dieser Strömungen.

Auch manche Wissenschaftler, wie zum Beispiel der Pädagoge Helmut Kentler, beschreiben in den 1970er Jahren Pädophile im Wortsinne als "kinderliebend" und meinten, sie könnten vernachlässigten Kindern sogar helfen. Andere Studien sollten nachweisen, dass Sex mit Erwachsenen Kinder nicht verletze – sie würden nur Schaden nehmen, wenn er im Nachhinein vor Gericht gezerrt würde. Auch andere sahen Pädophile damals eher als Opfer denn als Täter.