Vier Stockwerke, beige gestrichener Putz, verglaste Eingangstür mit Gegensprechanlage – hinge da nicht eine riesige Regenbogenfahne im Innenhof, die "Villa anders" in Köln-Ehrenfeld sähe wie ein ganz normales Mehrparteienhaus aus. Unter der Flagge sitzt zwischen Hecken und Bäumen Helmut Hofmann, 73, auf einer Holzbank und raucht. Hofmann, spitzbübischer Blick, weißer Fünf-Tage-Bart, erzählt, wie er einmal die Tür offenstehen ließ, um beim Lüften für Durchzug zu sorgen: "Plötzlich stand meine Nachbarin in der Wohnung und fragte, ob alles in Ordnung sei". Sie hatte sich Sorgen um den Rentner gemacht.

Dieses Zusammenleben schätzt Hofmann an der "Villa anders", in der Menschen aller sexuellen Orientierungen wohnen. Hofmann gehört noch zu einer Generation von Schwulen und Lesben, die in ihrer Jugend abgelehnt und zum Teil offen diskriminiert wurden. Denen Gefängnis drohte, weil sie sich in Menschen des eigenen Geschlechts verliebten und die in ständiger Angst vor dem Outing lebten. Heute ist Hofmanns Generation im Rentenalter – und fürchtet sich noch immer vor Ausgrenzung der Altersgenossen und vor Einsamkeit. Schwul-lesbische Wohn- und Patenprojekte können helfen. Doch sie übernehmen meist nicht die Betreuung im Alter, wie es klassischerweise Familienangehörige tun. Professionelle Pflegeeinrichtungen sind oft auf die Ängste älterer Homosexueller nicht vorbereitet.

In Hofmanns jungen Jahren galten Homosexuelle vielen als pervers und wurden von der Gesellschaft gemieden. Hofmann hatte Angst. So sehr, dass er sich nicht einmal seinen engsten Freunden offenbarte. Stattdessen floh er aus seiner Heimatstadt Berlin, ging ins Kloster und studierte Theologie. Bis er irgendwann genug von dem ewigen Versteckspiel hatte, all seinen Mut zusammennahm und sich outete. Da war er Mitte 30.

Doppelleben war normal

Hofmanns Biografie ist typisch für Homosexuelle seiner Generation, bestätigt Ralf Lottmann, Soziologe an der Berliner Alice Salomon Hochschule. "Viele ältere Lesben und Schwule haben lange ein Doppelleben geführt, weil sie Strafverfolgung und Karrierenachteile befürchten mussten", sagt er. Schätzungen zufolge sind mehr als 800.000 über 60-Jährige in Deutschland homosexuell. Fast alle von ihnen versteckten sich in jungen Jahren hinter einer gesellschaftskonformen Fassade, flüchteten in Lügen und Scheinehen. Bis 1969 standen in der BRD laut Paragraf 175 des Strafgesetzbuches fünf Jahre Gefängnis auf "Unzucht zwischen Männern". Nicht besser war die Lage in der DDR, wo selbst lesbische Kontakte verboten waren und die Stasi verhinderte, dass sich eine Szene etablieren konnte.

Nach seinem Outing brach Hofmann das Theologiestudium ab und arbeitete viele Jahre in einem Krankenhaus. Offene Diskriminierung hat er dort nicht erlebt, aber er machte die Erfahrung, dass "Schwule oft auf ihre Sexualität reduziert werden." Als Beispiel nennt er, dass ihm ein Freund eine Postkarte mit einem nackten Penis geschickt hatte. Heterosexuellen fehle es zudem häufig an Verständnis: "Sie haben nicht die Erfahrungen gemacht wie wir. Wenn Freunde von ihrem ersten Kuss mit einem Mädchen erzählen, war das etwas anderes, als in den 1950er- und 1960er-Jahren einen Mann zu küssen!"

Die meisten der älteren Schwulen und Lesben teilen solche Erfahrungen. Unter den heterosexuellen Altersgenossen haben viele die homophobe Haltung auch nie ganz abgelegt, die sie in der Jugend verinnerlicht hatten. Der Gesetzgeber hat auch dazu beigetragen. Denn noch bis 1994 stand der Paragraf 175 in abgeschwächter Form im Strafgesetzbuch. "Die Angst vor Homophobie hat ältere Lesben und Schwule lange begleitet und ist bis heute nicht verschwunden", sagt auch Soziologe Lottmann. Hinzu kommen weitere Faktoren, die eine Vereinsamung im Alter begünstigen: So ist der Single-Anteil unter homosexuellen Senioren deutlich höher als unter gleichaltrigen Heterosexuellen. Eine Studie fand heraus, dass mehr als die Hälfte aller über 44-jährigen Schwulen in keiner festen Beziehung leben. Bei lesbischen Frauen zeigen Untersuchungen ebenfalls einen überdurchschnittlichen Single-Anteil. Nur wenige Homosexuelle haben Kinder, die sich um sie kümmern könnten. Kontakte zu anderen Familienmitgliedern sind ebenfalls seltener geworden oder gar völlig abgebrochen. Deshalb suchen manche im Alter eine Alternative in homosexuellen Wohnprojekten.