Berlin, November 1989

Das konnte nicht stimmen. Das war vollkommen unmöglich. Das, was Herr Walter Momper am 9.11.1989 in die Kameras sagte, ließ mich abwechselnd an meinem Deutsch und am Regierenden Bürgermeister Berlins zweifeln. Herr Momper rief die Ost-Berliner auf, doch bitte die Westberliner U- und S-Bahnen zu benutzen, wenn sie am Wochenende in die Stadt kämen. Spinnt er, fragte ich mich, oder bin ich zu dumm, seinen Witz zu verstehen?

Ja, in den letzten Wochen hatten sich Veränderungen angedeutet. Es häuften sich in Berlin und der gesamten DDR Ereignisse, die früher unvorstellbar gewesen wären. Die Gründung des Neuen Forums, Gorbatschows denkwürdiger Besuch. Überall waren die Montagsdemonstrationen, überall der Sprechchor und der unmissverständliche Anspruch: "Wir sind das Volk".

Andererseits war da auch diese unglaubliche Anspannung. Vier Wochen vorher, am 8. Oktober, war ich in einen Bus gestiegen, um ins Stadtzentrum zu gelangen. Der Bus wurde umgeleitet, wegen einer "Provokation republikfeindlicher Randalierer". Er fuhr am Staatsratsgebäude vorbei, das von Soldaten, Polizisten und Panzerfahrzeugen geschützt wurde. Noch nie war Berlin so unheimlich und bedrohlich gewesen wie an diesem Abend.

Es war also ganz eindeutiges unrealistisches wirres Zeug, was ich von Herrn Momper hörte. Unzufrieden über mein schlechtes Deutsch legte ich mich ins Bett und verpasste friedlich schlummernd die schönste Nacht der deutschen Geschichte.

Erst zwei Tage später stand ich am Grenzübergang Invalidenstraße und wollte, was auch fast alle anderen Ostberliner wollten: Rüber. Ich durfte aber nicht. Für Ausländer stand die Mauer noch.

Erst war ich enttäuscht. Dann dachte ich: Es ist okay so. Ich sollte die Deutschen dieses Gefühl lieber zuerst allein genießen lassen. Ich blieb also an diesem Novembersamstag am Grenzübergang stehen und beobachtete die Menschen. Wie sie sich diszipliniert in eine Schlange stellten, um ihre 100 Mark Begrüßungsgeld zu erhalten. Wie sie dann später zurückkamen, die Hände voll mit Plastiktüten mit den Logos von Aldi, Kaiser's, Reichelt oder KaDeWe.

Sie überschritten eine Grenze, die jahrzehntelang alles getrennt hatte: Land, Familien, Schicksale und Himmel. In ihnen war ein Gefühl, das auch wir Vietnamesen kennen.

Vietnam

Es war ein Tag im November, als ich zum ersten Mal von Nord- nach Südvietnam fuhr. Jahrzehntelang war die Hiền-Lương-Brücke über den Ben-Hai-Fluss eine unüberwindbare Barriere gewesen, wie die Berliner Mauer. Nun war sie einfach nur noch eine Brücke.

Die Hiền-Lương-Brücke über dem Ben-Hai-Fluss © Kuni Takahashi/Getty Images

Ich war damals 28 Jahre alt und als wissenschaftlicher Mitarbeiter eines Forschungsinstituts auf dem Weg nach Saigon. Seit Monaten war der Krieg vorbei, das Ende der Kämpfe hatte die Menschen in Euphorie versetzt. Die Armee wurde demobilisiert. Auf der Brücke kam mir eine gen Norden marschierende Gruppe singender, anscheinend glücklicher Soldaten entgegen. Außer ihren Feldrucksäcken trug jeder von ihnen volle Plastiktüten mit sich, in denen wohl Geschenke für die Lieben im Norden waren. Auf ihnen prangten die Logos von Sanyo und Sony.

An diesem Novembertag 1989 kamen mir die Plastiktüten der Ostdeutschen und der Vietnamesen vor wie Siegestrophäen.

Nikosia

Im April 2003 hieß es, die Mauer auf Zypern könnte geöffnet werden. Zumindest tagsüber, für Besuche. Sollte ich hier meinen dritten Mauerfall erleben? Ich wollte ohnehin Urlaub machen, also nahm ich ein Flugzeug nach Nikosia.

Am Grenzübergang zwischen den beiden Teilen Nikosias © Raphael Gaillarde/Getty Images

Die Mauer von Nikosia ist ein absurdes Bauwerk, so wie alle Mauern, die Menschen voneinander trennen sollen. Eigentlich sind es zwei Mauern, denn die Türken haben eine gebaut und die Griechen auch. Der Pufferstreifen dazwischen wird von UN-Blauhelmen überwacht. Die Mauer trennt nicht nur die Stadt in zwei Hälften, sie läuft nicht nur durch die Straßen oder Höfe, sondern auch durch zerstörte Häuser, sogar durch die Zimmer verlassener Wohnungen. Diese doppelte Mauer bildete eine sogenannte Green Line. Wer immer sie so benannt hatte, musste ein fröhliches Gemüt gewesen sein. Sie sieht grau und erbärmlich aus.

Ich lief eine Weile an der griechischen Seite entlang. Hier, in Süd-Nikosia, pulsierte das Leben, es war bunt, laut, hektisch und fröhlich. Überall waren Geschäfte, Kneipen, Restaurants. Wer, fragte ich mich, würde hier wohl die Plastiktüten tragen, wenn eines Tages diese Mauer fiele?

Ich blieb vor einem Biergarten stehen, der tatsächlich "Checkpoint Charlie" hieß. Es kam mir nicht seltsam vor, dass hier deutsche Worte zu hören waren. Ich fragte ein paar Leute, die auf mich freundlich wirkten: "Seid Ihr Berliner?" – "Was denn sonst", antwortete lachend eine Frau. "Und Du?". "Ick ooch", antwortete ich.