Mit Wucht dringen dieser Tage zwei oft verdrängte, aber enorm wichtige gesellschaftliche Themen an die Öffentlichkeit. Trotz aller Unterschiede haben sie eines gemein: Es geht um die Wahrung der Menschenwürde, also um unser höchstes Verfassungsgut. Zum einen geht es um das Recht, in Würde alt zu werden, zum anderen um das Recht, in Würde sterben zu dürfen.

Der erste Fall: Sieben Bundesbürger zwischen 35 und 89 Jahren, berichtet die Süddeutsche Zeitung, haben eine Verfassungsbeschwerde eingelegt, mit der sie das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe auffordern, unverzüglich gegen den Pflegenotstand in Deutschland einzuschreiten. Sie befürchten, demnächst selber in ein Pflegeheim ziehen zu müssen, und beklagen die zum Himmel schreienden Zustände in vielen dieser Einrichtungen. Und immer wieder komme es vor, dass alte Menschen sich aus Angst vor dem Pflegeheim das Leben nehmen möchten.

Die Beschwerdeschrift ist ein Dokument des Grauens. Sie richtet sich bewusst nicht gegen die völlig überlasteten Pfleger und Ärzte, sondern gegen den Staat, der diese fatalen Verhältnisse zulässt. Die sieben Kläger begehren darum vom obersten Gericht die Feststellung, dass "der Staat zu umgehender Abhilfe verpflichtet ist". Ihr Argument: Das Grundgesetz, also auch das Gebot der Menschenwürde, verpflichtet den Staat, ein "pflegerisches Existenzminimum" zu gewährleisten. Doch mitnichten genügten seine bisherigen Leistungen dieser Verfassungspflicht.

Der zweite Fall: Der Bundestag wird jetzt über das Thema Sterbehilfe diskutieren. Es liegen mehrere Gesetzesentwürfe vor; im kommenden Jahr soll über sie abgestimmt werden. Einige Abgeordnete wollen jede Form des assistierten Selbstmords verbieten, egal wie aussichtslos die medizinische Lage des Patienten und wie stark sein Wunsch nach einem selbstbestimmten Tod auch ist. Egal ob lediglich ein Sterbehilfeverein oder ein Arzt dem Todkranken dabei helfen wollen. Andere hingegen möchten, in sehr engen rechtlichen Grenzen, die Sterbehilfe ermöglichen.

Verworrene Gesetzeslage

Die gegenwärtige Gesetzeslage ist verworren, es gibt viele Grauzonen, die Unsicherheit der Mediziner und der ärztlichen Helfer ist riesig. "Tötung auf Verlangen" (Paragraf 216 StGB), also eine direkte, aktive Tötung auf Wunsch, zum Beispiel mit einer Giftspritze, ist strafbar. Erlaubt hingegen ist sowohl die indirekte aktive Sterbehilfe als auch die passive Sterbehilfe. Erstere gestattet den Einsatz von Medikamenten, deren Nebenwirkungen die Lebensdauer verringern können. Und zur passiven Sterbehilfe zählen unter anderem das Unterlassen von lebensverlängernden Maßnahmen wie künstliche Beatmung und Ernährung, aber auch die Verabreichung schmerzstillender Mittel, die letztlich auch zum Tod führen.

Die meisten Probleme macht die sogenannte Beihilfe zur Selbsttötung. Jeder Mensch hat nach der im Grundgesetz garantierten Menschenwürde das Recht, aber nicht die Pflicht zu leben; er kann und darf also das Ende seines Lebens selber bestimmen. Weil Selbstmord straffrei ist, macht sich darum auch nicht strafbar, wer dabei hilft, wer zum Beispiel den Gifttrunk neben das Krankenbett stellt. Diese Straflosigkeit gilt aber nur, solange der Todeswillige die Mixtur selber und mit eigener Kraft einnimmt. Er muss die Bestimmungsmacht über das Geschehen selber in der Hand haben.

Doch das Standesrecht verbietet Ärzten die (straflose) Beihilfe zum Suizid. Sie dürfen nicht einmal die Wirkstoffe des Gifttrunks verschreiben. Aus Sicht der Bundesärztekammer ist ärztlich assistierter Suizid eine strafbare "Tötung auf Verlangen", denn er widerspreche dem ärztlichen Eid, Leben zu erhalten.

Der Freitod der sterbenskranken Amerikanerin Brittany Maynard hat die Sterbehilfedebatte auch hierzulande wieder neu entfacht. Begleitet von ihrer Familie, assistiert von Ärzten und erlaubt nach den Gesetzen des US-Staates Oregon, nahm sich die unheilbar an einem aggressiven Gehirntumor erkrankte 29-Jährige vor Kurzem das Leben.

Es gibt keinen Anspruch auf die absolute Wahrheit

Manche haben Maynard nun zur "Heldin" erkoren und erteilen ihr posthum eine Tapferkeitsmedaille. Doch sie vergessen dabei, dass auch jene, die ihre Krankheit und ihr Leid bis zum Ende ertragen, ebenso tapfer sind. Andere hingegen, wie der Vorsitzende der vatikanischen Akademie für Leben, Ignacio Carrasco de Paula, bezeichnen Maynards Freitod als verwerflich. "Würde ist etwas anderes", sagt er, "als seinem eigenen Leben ein Ende zu setzen." Dieser Vorwurf ist ebenso leichtfertig wie ungerecht und unangemessen. Denn er lässt das Recht auf Selbstbestimmung als wesentlichen Teil der Menschenwürde völlig außer Acht.

Wann immer es um den Kern der Menschenwürde geht, werden sehr schwierige und hoch komplizierte medizinische, juristische, philosophische, theologische, ethische und auch praktische Fragen berührt. Es gibt in dieser Debatte keinen Anspruch auf absolute Wahrheit und auch so gut wie kein "Richtig" oder "Falsch".  Allerdings werden Stimmen laut, die eine Suizid-Assistenz nicht für Sterbenskranke befürworten, sondern ebenso für alte Menschen, die partout nicht in ein Pflegeheim wollen. In einigen Staaten wird dieser Wunsch bereits erfüllt.

Das Bundesverfassungsgericht hat die Sicherung eines Existenzminimums zum Kern der Menschenwürde erklärt, darum gibt es Sozialhilfe. Die Sicherung eines "pflegerischen Existenzminimums" sollte ebenso dazugehören. Es ist unerträglich, dass manche Menschen Angst davor haben müssen, in ein Pflegeheim zu kommen. Ebenso gehört es zum Kern der Menschenwürde, dass auch Schwerkranke zuallererst am Leben gehalten und ihre Schmerzen gelindert werden.

Was aber geschieht mit jenen im Endstadium einer irreversiblen tödlichen Krankheit, die unter unerträglichen Qualen leiden? Ist es nicht auch hier Teil der Menschenwürde, dass sie ihr Ende selber bestimmen dürfen? Müsste es darum nicht auch Ärzten, die aus freiem Entschluss dazu bereit sind, erlaubt sein, nach klaren Regeln bei einem solchen selbstbestimmten Freitod mitzuhelfen?

Es ist gut, dass jetzt über all diese Fragen gestritten und diskutiert wird und der Menschenwürde so hoffentlich zu ihrem Recht verholfen wird.