Julien Blanc © Screenshot Youtube

Wer die Website von Real Social Dynamics ansteuert, könnte zunächst glauben, bei einer Wirtschaftsberatung gelandet zu sein oder einem Versicherungskonzern. Das Logo von RSD: ein Pfeil in einem schräg liegenden Tropfen. Dynamisch weist er nach rechts oben, aufwärts. Daneben die Illustration einer herausfordernd schauenden Frau im dunklen Hemd.

Aber nein, Real Social Dynamics ist das Unternehmen hinter Julien Blanc, jenem Pick-up-Artist, der in seinen Vorträgen und Workshops zur Demütigung von Frauen aufruft, neuerdings sogar zu physischer Gewalt. Er empfiehlt in seinen Seminaren den choke opener, den Würgegriff bei fremden Frauen, als Einstieg in ein Gespräch. Sein Twitter-Hashtag #ChokingGirlsAroundTheWorld wurde inzwischen von seinen Gegnern "übernommen". In Videos zeigt er, wie er fremde Frauen in Tokio auf offener Straße am Nacken packt und sie an seinen Schoß drückt. 

Dem 25-jährigen US-Amerikaner schlägt deshalb seit zwei Wochen weltweit massiver Protest aus den sozialen Medien entgegen. Inzwischen wurde ihm die Einreise nach Australien und Brasilien verweigert. Auch in Deutschland formiert sich zaghaft Widerstand. Am Freitag demonstrierten 50 Menschen auf dem Berliner Alexanderplatz. Gegen sein für Dezember geplantes Seminar in München engagiert sich eine Stadträtin der Grünen.

Auf seiner eigenen Seite mit der sprechenden Adresse PimpingMyGame.com berichtet Julien Blanc von seiner Jugend. Er erzählt, wie er als unbeliebter Teenager zufällig auf das Buch The Game des Musikjournalisten Neil Strauss stieß (auf Deutsch: Die perfekte Masche), das als Bibel der Pick-up-Artists gilt. Es habe ihn gepackt, schreibt Blanc, und in ihm den Wunsch geweckt, ebenfalls "wildfremde Mädchen dazu zu bringen, mit mir schlafen zu wollen".

Nur eine Woche später, schreibt er, "schlief ich mit dem zweiten Mädchen. Sie hatte einen Freund". Die Herausforderungen wachsen, das Spiel beginnt. Genau das ist die Jagd nach Frauen für ihn und die anderen "Experten" von RSD: ein Spiel. Physical Game. Wie man Frauen physisch führt und ins Bett kriegt, heißt eines ihrer Bücher. Blanc selbst schreibt von "results", die er erzielen will und vom "next level". Den "chode mode" habe er schon bald hinter sich gelassen, den "Trottel-Modus". Es ist ein Wort, das häufig in den Foren auftaucht.

Vom Trottel zum Pimp mit teuren DVDs

Denn darum geht es: Vom Trottel zum Pimp zu mutieren. Vom schüchternen Typen, der sich schwer damit tut, Frauen anzusprechen, zum souveränen Aufreißer mit möglichst vielen parallel laufenden Bettgeschichten. Transformations lautet der Titel eines RSD-Kurses; die 12 DVDs kosten 369 US-Dollar.

Julia Becker lehrt Sozialpsychologie an der Universität Osnabrück, seit Jahren forscht die Professorin zum Thema Sexismus. In RSD sieht sie eine "Selbsthilfegruppe verunsicherter Männer". Der langsame Wandel der Rollenbilder, der Weg der Frauen weg vom Image des "schwachen Geschlechts" kratze bei vielen Männern am Selbstbewusstsein. Als Zielgruppe von RSD vermutet Becker daher solche, "die sich in ihrer Männlichkeit bedroht fühlen – sich aber gleichzeitig stark über sie identifizieren". Frühere Zurückweisungen beim Flirten oder in Beziehungen könnten weitere Gründe sein. "Hinzu kommt wohl eine ausgeprägte soziale Dominanzorientierung", so Becker. "Menschen neigen dann zu hostilem, feindlichem Sexismus, wie im Fall von Julien Blanc."

Auf Blancs Homepage wie auch in den Foren finden sich immer wieder Checklisten. Klare Regeln, denen man nur zu folgen brauche: "4 Wege, wie du sie dazu bringst, dir hinterherzujagen", oder auch zehn Punkte zum richtigen Umgang eines Mannes mit einer Frau – aufgeteilt in "inner game" ("Betrachte Sex als keine große Sache!") und "outer game" ("Gib den Ton an!"). Apropos Punkte: Auch die Frauen selbst werden bewertet, auf einer Skala von eins bis zehn.

In der Welt von RSD leisten Frauen zwar Widerstand gegen Annäherungsversuche, doch wer die richtigen Tipps befolgt, trickst sie aus. Das weibliche Geschlecht mit eigenem starken Willen? Fehlanzeige. "Frauen werden als Objekte behandelt, teilweise auch als Trophäen", sagt Julia Becker. "Der Ursprung ist ein Bedrohungserleben: Männer haben Angst davor, Macht zu verlieren. Deswegen richten sich ihre negativen Verhaltensweisen vor allem gegen solche Frauen, von denen sie denken, dass diese sie selbst verführen könnten."