Und in Berlin gibt es die Räume, in denen man ohne wirtschaftlichen Druck experimentieren kann. Anfang 1991 entstehen die ersten Techno-Clubs. Der berühmteste ist der Tresor im staubigen Niemandsland des ehemaligen Grenzstreifens. Vor dem Zweiten Weltkrieg war hier der Tresorraum der Globus-Reisebank, damals unterhalb des alten Wertheim-Kaufhauses am Potsdamer Platz. Zwischen den Gitterstäben und rostigen Schließfächern riecht es modrig. Wenn im Winter der Boden gefroren, die Tanzfläche aber knallvoll ist, tropft Kondenswasser von der Decke. Man sieht rote Wangen, geweitete Pupillen, nackte Oberkörper, knutschende Männer, Frauen mit Glatzen, eng verschlungene Gruppen, die sich gegenseitig kraulen.

Falls man überhaupt was sieht. Denn meist ist der Raum mit den 1,48 Meter dicken Stahlbetonwänden dicht mit Trockeneis-Nebel gefüllt. Zu den harten Schlägen der Bassdrum amüsierten sich Ostberliner Hooligans, Ex-Breakdancer, Post-Punks aus der Schöneberger Schwulenszene mit Kreuzberger Hausbesetzern, britischen Soldaten auf Freigang und amerikanischen Expats. Eine ziemlich disparate Mischung. Sie feiern die neue Musik mit einer Droge, die für die meisten ebenfalls neu ist: Ecstasy sorgt dafür, dass sich die Nacht bis weit in den nächsten Morgen dehnt.

"Antibereicherung": Freigetränke bis die Kasse leer ist

Wie viele frühe Partys starten die Clubs mehr oder weniger in Eigenverantwortung. Der Tresor ist als Galerie mit Stehausschank angemeldet, der Planet gar nicht. Der Versuch der Veranstalter, einen Ansprechpartner bei der zuständigen Behörde zu finden, scheitert – es gibt keinen. Die Clubs sind auch soziale Experimente. Im Friseur, legendär wegen der 24-Stunden-Live-Sets der Berliner Technoproduzenten Toktok, werden so viele Freigetränke ausgegeben, dass am Ende der Nacht kaum etwas in der Kasse bleibt. Antibereicherung nennt das der Künstler Daniel Pflumm, einer der Betreiber des Clubs Elektro.

In dem ganzen Trubel fällt eine wesentliche kulturelle Leistung kaum auf: Die Wucht der neuen Klänge reißt die jungen Leute aus Ost- wie Westberlin gleichermaßen mit. Techno ist ein Gemeinschaftsprojekt. Die Tanzflächen in den maroden Gebäuden sind Begegnungsstätten. Besserwessi – Jammerossi: Die Themen, an denen sich die Übergangsgesellschaft derweil abarbeitet, spielen in der Rave-Szene keine Rolle. Ob jemand aus Schöneberg oder aus Lichtenberg kommt, ist plötzlich nicht mehr wichtig.

Und dann ging das Licht wieder an

Der Ausnahmezustand hält nicht ewig. Mitte der neunziger Jahre geht in Berlin-Mitte wieder das Licht an. Die Behörden schauen genauer hin, der wirtschaftliche Druck wächst, die Freiräume schwinden. Überall werden Büros gebaut, manche nie bezogen. Irgendwann zieht die Regierung nach Berlin, Normalität kehrt ein. Doch die anarchische Zeit hinterlässt Spuren. In den wilden Wendejahren ist aus einem Provinznest eine Weltstadt geworden.

Was damals als Subkultur beginnt, wird heute von der Politik als Kreativwirtschaft hofiert. Kunst, Musik, Partys – damit kann man Investoren locken. Sogar im Ausland sind ugly germans beliebt, seit die Bilder von der Loveparade zeigen, dass Deutsche auf der Straße nicht zwangsläufig marschieren. Berlin wird zum Sehnsuchtsort für junge Leute aus aller Welt. 

An eine Party können sich alle erinnern, die dabei waren: im Bunker in Adlershof, organisiert von Lothar Schauf. Denn das Gelände gehört gar nicht der Treuhand, sondern dem Bundesgrenzschutz. Weder die Raver noch Schauf wissen das. Als die Party gerade läuft, kommt die Polizei vorbei. Den gefälschten Treuhand-Schrieb nimmt sie zur Kenntnis, bricht die Party aber nicht ab. Ist ja alles friedlich, sagen die Polizisten.

Wenig später trifft ein bewaffneter Trupp vom Bundesgrenzschutz ein. Auf dem Gelände wird Munition gelagert. Ein paar Uniformierte stehen mit Funkgerät und Maschinengewehr neben dem Eingang zum Bunker, aus dem ein Stroboskopgewitter blitzt. Nebelschwaden vom Trockeneis wabern. Getanzt wird bis der Tag längst angebrochen ist.