Marla Doe quetscht ein Herz aus – und lächelt. Blut tropft aus dem Organ. Dann zieht die Queen of Pain, wie sie sich nennt, lasziv an einer Zigarette, wirft ihre langen lockigen Haare über die Schulter. Nach einer Pirouette streift sie langsam ihren Rock ab, öffnet ihre Lederjacke. Eine Totenkopftätowierung ziert ihr Dekolleté. In Strapsen und einem schwarzen Korsett tanzt sie, alleine im Kegel des Schweinwerfers. Hält zwischendurch inne, präsentiert ihre Kurven – und schaut herausfordernd ins Publikum. Etwa hundert Zuschauer applaudieren, jubeln ihr zu, rund die Hälfte sind Frauen. Triumphierend hält Marla Doe ihnen das tropfende Herz hin.

Es besteht aus Agar, pflanzlicher Gelatine. Denn die Königin des Schmerzes ist Veganerin – in einem anderen Leben fernab der Burlesque-Bühnen von Köln. Die 27-Jährige, die ihren richtigen Namen nicht verrät, arbeitet als Texterin und studiert Kommunikationsberatung. Sie nippt vorsichtig an ihrem Früchtetee und sagt: "Burlesque hat mir dabei geholfen, meinen Körper zu lieben, wie er ist."

Wie passt das zusammen? Sich vor Publikum auszuziehen und gleichzeitig ein besseres Gefühl für den Körper und mehr Selbstbewusstsein zu entwickeln?

Marla Doe versucht es zu erklären. Sie erzählt von ihrer Kindheit am Bodensee, in der sie als "pummeliges Mädchen" beim Ballett, wie sie sagt, immer ein wenig anders war, und doch nichts lieber wollte, als so zu sein wie alle. "Ich habe viele Diäten hinter mich gebracht, bis ich verstanden habe, dass es egal ist, ob man einen großen Hintern hat oder nicht." Das Entscheidende sei, wie man damit umgehe. Marla Doe sagt: "Ich habe mit der Norm gebrochen – und mich mit meinen Kurven auf die Bühne gewagt. Im Grunde habe ich mein Manko zum Markenzeichen gemacht."

Die Queen of Pain plant ihre Choreographien im Wohnzimmer

Seit zweieinhalb Jahren verwandelt sie sich nach der Arbeit und dem Studium regelmäßig in die Burlesque-Tänzerin Marla Doe. Ein Workshop hat sie auf den Geschmack gebracht. Sie schneidert ihre Kostüme selbst, überlegt sich ihre Choreographien, trainiert für ihre Queen of Pain zu Hause im Wohnzimmer – und hat es mit ihrer Kunst auch schon auf die Bühne der berühmten Burlesque-Bar Queen Calavera in Hamburg geschafft. "Natürlich hatte ich am Anfang Angst, dass das Publikum mich nicht mag, dass irgendjemand mich zu dick findet", sagt Marla Doe. Alle Komplexe kann die Burlesque nicht wegzaubern, räumt sie ein.

Und was, wenn das Publikum doch nur sehen will, dass alle Hüllen fallen? "Ich habe schon Shows erlebt, in denen die Zuschauer am Ende wohl erwarteten, dass da noch mehr kommt", erinnert sich die Burlesque-Tänzerin, die sich auf der Bühne nie ganz auszieht. Sie haben nicht erkannt, dass es ihr um die Geschichte geht, die sie erzählt. Ihnen blieb die Vieldeutigkeit verschlossen, die Burlesque laut Marla vom "simplen Striptease" unterscheidet.

Während sie "ihre Weiblichkeit feiert", wie sie sagt, ihre Brüste kreisen lässt, die nur von zwei schwarzen Pasties bedeckt sind, fürchtet sie sich trotzdem manchmal vor den Smartphones – davor, dass Handyfotos von ihr ins Internet gelangen, mit denen sie nicht einverstanden ist. "Die Tänzerin wird dann schnell in eine falsche Ecke gedrängt", sagt Marla.

Ihre Kunst lebt jedoch gerade durch diesen Konflikt: Sie ist die Ballerina mit der Totenkopftätowierung, die Queen of Pain, die sich vegan ernährt. Und sie bewegt sich zwischen dem Voyeurismus des Publikums und der eigenen Emanzipation.

Für sie überwiegt das befreiende Gefühl: Letztlich sei sie nur einmal nach einer Show "blöd angemacht" worden. "Sonst habe ich nur positive Rückmeldungen bekommen, vor allem von Frauen." Und über Lob weiblicher Zuschauer freut die 27-Jährige sich besonders. "Ich möchte anderen Frauen Mut machen, ihren Körper zu akzeptieren, wie er ist", sagt Marla, "ihnen zeigen, dass sie nicht perfekt, nicht dünn sein müssen, um gemocht zu werden".

Die Theater- und Medienwissenschaftlerin Katrin Horn sagt: "Das ist doch nur logisch", dass jemand, "der für mehr Akzeptanz vermeintlich nicht idealer Körper wirbt, diesen auch zeigt". Einen Widerspruch sieht sie nicht. Horn hat ein Proseminar an der Universität Erlangen-Nürnberg ausgerichtet zur Burlesque, die seit den 1990er Jahren als Neo-Burlesque ein Revival erlebt. "Es geht im Übrigen nicht darum, dass die Frauen am Ende fast nackt sind, sondern um den Weg dorthin", sagt sie. Und das unterscheide den Tanz deutlich vom Striptease. Burlesque-Tänzerinnen müssten niemanden anmachen, um Geld zu verdienen, sie seien in der Regel fest gebucht, also nicht abhängig von der Gunst des Publikums.