Franz Müntefering bei seiner letzten Rede als Parteichef beim Parteitag in Dresden. © Sean Gallup/Getty Images

Der ehemalige Bundesminister und SPD-Parteivorsitzende Franz Müntefering hat sich mit einem sehr persönlichen Plädoyer in die derzeitige Debatte um Sterbehilfe eingeschaltet. "Denen, die für Hilfe beim Töten sind, sollten wir das Wort Sterbehilfe nicht überlassen", sagte Müntefering der ZEIT.

Eine Begleitung beim Sterben brauche allerdings jeder Mensch. Er selbst habe "mindestens zweimal aktive Sterbehilfe" geleistet, betonte der 74-Jährige. "Sehr aktiv sogar, bei meiner Mutter und bei meiner Frau: Hand gehalten, dabeigesessen, getröstet."

Einige Menschen hätten ein falsches Verständnis von Selbstbestimmung, kritisierte Müntefering. "Die sagen: Ich muss entscheiden können, ob ich sterben will oder nicht, jederzeit in meinem Leben, begründungsfrei. Und das halte ich für gefährlich."

Mit Freiheit und Selbstbestimmung habe das nichts zu tun. Vielmehr sei es geradezu absurd, die "Vernichtung der Existenz mit dem Hinweis auf ein Selbstbestimmungsrecht zu befördern". Man lebe immer in einer Gemeinschaft und habe Mitverantwortung für das, was rundherum passiere.

"Arroganz und Egozentrik"

Den Suizid von Prominenten wie dem ehemaligen MDR-Intendanten Udo Reiter akzeptiere und respektiere er. Dennoch halte er dessen Haltung für "rücksichtslos gegenüber allem und allen". Für ihn sei dies eine gewisse bürgerliche Attitüde: "Ein Stück Egozentrik und Arroganz steckt da schon drin, tut mir leid."

Er argumentiere in der politischen Debatte um Sterbehilfe "existenzialistisch", sagte Müntefering. "Ich, Sie, uns alle gibt es nur einmal in der Geschichte der Welt, ein einziges Mal. Das Leben ist so einzigartig und wichtig, dass ich jeden ermutige, zu sagen: Nimm so viel davon, wie du kannst. Und geh nicht beiseite." Das Leben sei eine tolle Sache. "Es ist eine einmalige grandiose Chance, die wir haben."  

Je älter er selber werde "desto gelassener" werde er beim Gedanken ans Sterben, so Müntefering. Man müsse die "ballistische Kurve des Lebens" akzeptieren. "Auch das heißt Demokratie: Alle sind gleich viel wert, aber keiner hat einen Anspruch darauf, immer Erster zu sein."

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Aktive Sterbehilfe ist in Deutschland verboten. Einem Sterbewilligen ein tödliches Medikament zu besorgen, das dieser dann selbst einnimmt, ist dagegen nicht strafbar. Der Bundestag plant eine Neuregelung der Sterbehilfe, in etwa einem Jahr soll dazu ein Gesetz vorliegen. Bisher gibt es fünf Positionspapiere, die von Parlamentariergruppen über die Fraktionsgrenzen hinweg erarbeitet wurden. Die Debatte wird seit Monaten sehr emotional geführt.