Kinder, die hier leben, sollen Deutsch lernen. Darüber streitet niemand mehr. Müssen ihre nicht deutschen Eltern deshalb mit ihnen zu Hause Deutsch sprechen, wie es die CSU am liebsten verlangen würde?

Abgesehen von der Frage, wie das umzusetzen wäre, ist es auch fachlich keine gute Idee. Es besteht die Gefahr, dass die Kinder weder gut die Muttersprache der Eltern, noch korrektes Deutsch lernen. Denn ginge es nach der CSU, würde die Sprache der Eltern nur noch selten oder mit Deutsch vermischt gesprochen – und zudem auch gesellschaftlich abgewertet. Deutsch lernen die Kinder auf diese Art nur mit reduzierten Grammatikkenntnissen und Vokabular. In der Kita oder in der Schule ist das nur unter einigen Voraussetzungen auszugleichen.  

Zu bedenken ist auch, dass über die Sprache Identität transportiert wird, wie die Linguistin Dagmar Knorr von der Universität Hamburg erklärt: "Wir konstituieren unsere Person und unsere Gefühlswelt über unsere Sprache. Wer in einer fremden Sprache mit seinen Kindern spricht, läuft Gefahr, einen Teil der eigenen Identität abzuschneiden und die intuitive, echte Beziehung zwischen Eltern und Kindern auch. Wenn wir in einer fremden Sprache sprechen, beschneiden wir nicht nur unseren kulturellen Reichtum, sondern auch unseren Reichtum im Denken."

Sprachen haben ein Image

Zweisprachigkeit erweckt in Deutschland in der Regel kein Misstrauen, wenn sie simultan stattfindet: also etwa die Mutter Deutsch mit dem Kind spricht (ihre Muttersprache), der Vater Englisch (seine Muttersprache). Zugleich sind die Reaktionen unterschiedlich, je nach Herkunftsland des fremdsprachigen Elternteils: Spricht der Vater Türkisch, finden viele das weniger attraktiv als Englisch oder Chinesisch. Sprachen haben ein Image, sagt Knorr, das sich wie die anderen Faktoren auf das Selbstwertgefühl auswirken kann. Oft hat die Expertin in ihren Schreibtrainings Studenten mit Migrationshintergrund erlebt, die stolz berichten, sie hätten bisher immer erfolgreich verbergen können, dass sie zweisprachig sind. Dabei könne das für sie ein Schatz sein.

Wenn Mutter und Vater Einwanderer sind, kommt das simultane Sprachenlernen meist nicht zur Anwendung oder erst gar nicht infrage, sondern die Kinder lernen additiv: Erst verstehen und sprechen sie die Sprache der Eltern, dann kommt die Sprache Landes hinzu – bestenfalls lernen die Kinder sie nicht von den Eltern, sondern ebenfalls von Muttersprachlern. Weil sie schon in einer Sprache Grammatik und Wortschatz verinnerlicht haben, können sie in der Regel sehr schnell die ersten Wörter der zweiten Sprache. Beim Textverständnis kann das additive Lernen positive Transfereffekte haben: Wer im Türkischen schon verstanden hat, dass der Einstieg in ein Märchen immer dasselbe Muster hat, kann das in der deutschen Sprache wiedererkennen. Dabei ist es allerdings wichtig, die Sprachen in den ersten Jahren nicht zu sehr zu vermischen.

Wie schnell die Kinder die erste und die neue Sprache gut beherrschen, hängt von einer ganzen Reihe an Faktoren ab.