Wenn einer "Feminismus" sagt, denke ich nicht zuerst an Alice Schwarzer, sondern an meine Mutter. Anfang der neunziger Jahre hatte sie vier kleine Kinder, arbeitete in der Erwachsenenbildung und kämpfte für die Rechte der Frauen. Der Feminismus war für sie kein Hobby, sondern eine aus der Notwendigkeit geborene Leidenschaft.

Meiner Mutter und ihren Mitstreiterinnen ging es nicht um die Verbesserung ihrer persönlichen Situation. Sie hatten sich 1988 zusammengefunden, um ökumenisch gegen die Übermacht der Männer in den Kirchen aufzubegehren und im Zuge dessen, bisweilen sehr öffentlichkeitswirksam, Solidarität mit allen Frauen eingefordert, die durch Religion, Ideologie, Gewalt oder sonst eine Macht unterdrückt wurden. Allesamt waren sie studierte, berufstätige Mütter, hatten sich also in allen Lebensbereichen frei entfalten können. Dennoch kämpften sie für die Gleichstellung von Frauen und Männern. Vielleicht ist es schwerer zu ertragen, um das Leid der rechtlosen indischen Textilarbeiterin, der osteuropäischen Zwangsprostituierten oder der verprügelten Nachbarin zu wissen, wenn die eigenen Chancen um so vieles größer sind.

Mit 15 fand ich Feminismus peinlich. Während meine Freundinnen shoppen gingen oder in aller Ruhe die Bravo-Foto-Lovestory lesen konnten, musste ich als Vertreterin der nächsten Frauengeneration den Kampf meiner Mutter – und den ihrer Freundinnen mit den lila Tüchern – unterstützen. Es war nicht mein Kampf, aber meine töchterliche Intuition sagte mir, dass ich qua Geschlecht beauftragt war, ihn fortzuführen.

Inzwischen bin ich selber Mutter und berufstätig. Ich leite kein Unternehmen, aber ich möchte den Anschluss ans Arbeitsleben nicht verpassen, auch wenn ich zwischen Abstillen und nächstem Mutterschutz nur Teilzeit arbeite. Das hat mir meine Mutter beigebracht. "Mädchen, sieh zu, dass du im Notfall deine Kinder auch alleine durchbringen kannst." Im Notfall. Wahrscheinlich meinte sie den Tod des Vaters, vielleicht sogar eine Scheidung. Auch die drohende Altersarmut wäre ein Argument gewesen. Für meine Tochter würde ich hinzufügen: Es ist angenehm, Kollegen zu haben, den Rhythmus des Arbeitstages mit ihnen zu teilen. Es ist befriedigend, dass die lange Zeit der Ausbildung Früchte trägt. Ich trage zum Familieneinkommen bei, anstatt meinen Mann um Haushaltsgeld bitten zu müssen. Kurz: Ich kann mir nicht vorstellen, meinen Beruf aufzugeben.

Anscheinend ist das aber kein Konsens unter jungen Frauen unserer Gesellschaft. Ich kenne nicht wenige Frauen, die nach der Geburt des ersten Kindes dem Arbeitsmarkt den Rücken kehren und auch nicht vorhaben, jemals wieder zurückzukommen.

Da wäre zum Beispiel Moni, studierte Medizinerin. Gleich nach der Uni lernte sie Alex kennen, der deutlich älter ist als sie, dafür aber sehr vermögend. Innerhalb weniger Jahre bekamen sie vier ansehnliche Kinderlein. Moni sieht sehr gut aus, ist klug und eine wunderbare Mutter. Sie wäre bestimmt auch eine großartige Ärztin geworden. Aber sie sagt lächelnd: "Alex ist nicht mehr der Jüngste. Als wir uns kennenlernten, war klar, dass wir uns nicht viel Zeit mit dem Kinderkriegen lassen können." Über die Jahre ihres Studiums und die Visionen, die sie einst damit verband, verliert sie kein Wort.

Oder Tanja. Mit Mitte 30 wurde sie schwanger und verabschiedete sich mit Handkuss von ihrem Beruf als Bankkauffrau. Sie war sowieso nicht mehr gern zur Arbeit gegangen und freute sich, den lästigen Job sein zu lassen. Jetzt, fünf Jahre später, sind dieses Kind und noch ein weiteres längst in der Vollzeitbetreuung. Doch Tanja bleibt zu Hause. Bald bekommt sie ein drittes Kind. Braucht sie noch mehr, um ihre Existenz als Hausfrau zu rechtfertigen? Was sie sagt, ist nachvollziehbar: "Der Job in der Bank war für mich der reine Horror. Für eine Umschulung hab ich mit drei kleinen Kindern gar keine Zeit. Außerdem bin ich gerne mit den Kleinen zusammen. Mir bleibt genug Zeit für mich selbst, um ihnen eine entspannte Mutter zu sein." Ihr Mann muss viel arbeiten, um den Verdienstverlust seiner Frau auszugleichen und den Lebensstandard zu erhalten. Tanja holt nachmittags ihre Kinder vom Kindergarten ab, bringt sie zum Ballett oder spielt mit ihnen in ihren Kinderzimmern. Das Paar ergänzt sich perfekt. Die Absprachen sind klar, die Familie ist glücklich. Es funktioniert.

Oder Melanie. Sie hat BWL studiert, einen Physiotherapeuten geheiratet, zwei Kinder bekommen und ist jetzt Hausfrau. Frage ich sie nach ihrer Perspektive, sagt sie: "Warum? Ich arbeite doch." Das stimmt. In der Mittagspause koordiniert sie die Behandlungstermine für die Patienten ihres Mannes. Melanie und ihr Mann stemmen den Betrieb also gemeinsam. Aber die Kinder organisiert sie größtenteils allein. Klar, seine Arbeitszeiten als selbstständiger Unternehmer gehen ja auch zwangsläufig über die eines Angestellten hinaus. Und Melanie meint: "Das ist doch okay. Ich wollte vor allem die Kinder. Bevor mein Mann jemanden einstellt, der die Praxis nicht so gut kennt wie ich und dann womöglich wegen Schwangerschaft ausfällt, mach ich das doch lieber." Sie kommt nicht auf die Idee, dass sie andernfalls vielleicht einem selbst gewählten Beruf nachgehen könnte.

Dieser Text stammt aus der Christ & Welt-Ausgabe 53/14

Oder Susanne, 15 Jahre lang erfolgreiche Rechtsanwältin. Dann wurde sie Mutter und sagt heute: "Ich habe genug gearbeitet. Jetzt möchte ich ganz Mama sein." Um Krippenplätze für ihre Töchter hat sie sich nicht bemüht. "Bis sie zur Schule müssen, will ich für sie da sein. Keine Kinderbetreuung kann den beiden das bieten, was ich ihnen geben kann."

Oder, oder.

Diese Frauen sind eine Tatsache. Das Statistische Bundesamt hat erhoben, dass 26 Prozent aller Mütter nicht arbeiten und auch keine Arbeit suchen. Über die Hälfte von ihnen gibt als Hauptmotiv dafür die mangelnde Kinderbetreuung an. Doch immerhin gibt es heute deutlich mehr organisierte Kinderbetreuung, vor allem für die unter Dreijährigen, als noch vor 30 Jahren. Meine Mutter musste uns noch in die Obhut älterer Nachbarinnen geben, um wenigstens halbtags arbeiten zu können. Klar ist, dass die nicht erwerbstätigen Mütter einem Milieu angehören, in dem Frauen überhaupt die Wahl zwischen Berufstätigkeit und Vollzeitmutterdasein haben. Sehr viele Familien in Deutschland sind auf zwei Gehälter angewiesen.