Der Tunesier ist noch gar nicht nicht da. Vielleicht wird er auch nie kommen, aber in Klotzsche ist die Kirche schon voll wegen ihm. Der Tunesier ist jung und männlich, und vor allem ist er ledig. Er kommt als Asylbewerber nach Dresden – und bald, 2016, kommt er vielleicht auch in diesen Vorort. Auf dieses Stück Land zwischen Lidl, Gymnasium, ein paar Wohnhäusern und Kindergärten. Eine Grundschule ist auch in der Nähe, und da, "also ich mein'", sagt eine Frau, "da gibt es ja schon, ich sag' mal, Bedenken". Denn schließlich, siehe oben, 60 Tunesier, jung, männlich und ledig, "was machen die denn den ganzen Tag"?

Ja, was machen die den ganzen Tag? Weiß man nicht in Klotzsche, aber Bedenken hat man schon mal. Die Tunesier selbst wissen es wahrscheinlich auch nicht. Welcher Tunesier macht schon Pläne für Klotzsche.

Die schöne Christuskirche jedenfalls ist so voll wie lange nicht mehr. 350 Anwohner drängen sich auf den harten Bänken. Bürger, die wegen der Tunesier und des neuen Asylbewerberheims, das hier gebaut werden soll, besorgt sind, wie man so sagt. Und noch mehr Bürger, die wiederum wegen der besorgten Bürger besorgt sind.

Vorn vor dem Altar, wo sonst der Pfarrer steht, sitzt auf sechs Stühlen der Staat. Sozialamt, Planungsamt, Polizei, Ausländerbeirat, Landeszentrale für politische Bildung, ein Schuldirektor. Pflichten und Vorgaben hat die Verwaltung, und ständig kommuniziert sie zu wenig. Nun soll sie und sollen die Politiker endlich allen alles erklären und alles ernst nehmen.

So wie sie die 15.000 ernst nehmen sollen, die sich zur gleichen Zeit ein paar Kilometer weiter sammeln. Pegida, die "Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Ihnen geht es um das Gleiche wie den Asylbewerberheim-Gegnern in Klotzsche: Islamisierung, die Kosten für die Asylbewerber und darum, ob die nicht doch Deutschen die Arbeitsplätze wegnehmen. Abgehobene Politik, verlogene Presse.

Sehen, was das Reden noch bringt

Was bei Pegida schwammig und allgemein ist – in Klotzsche ist es bereits konkret. Pegida verweigert das Gespräch, die Klotzscher sitzen jetzt immerhin alle zusammen in einer Kirche, von oben schaut gütig der Heiland vom Kreuz herab. Hier kann man also sehen, ob das funktioniert: ernst nehmen. Hier kann man sehen, was das Reden noch bringt.

Über die Freizeitgestaltung der Asylbewerber zum Beispiel. Eine Schülerin des angrenzenden Gymnasiums schlägt vor, sie könnten doch nachmittags in die Sportkurse kommen. Und der Leiter des örtlichen Polizeireviers Dresden-Nord, ein Riese in blauer Uniform und mit ruhiger Stimme, steht auf und sagt: "Wir haben in den vergangenen Jahren keinerlei Erkenntnisse gehabt, dass im Umfeld von Asylbewerberheimen die Kriminalität irgendwie höher ist."

Doch das reicht nicht, um in Klotzsche zu gewinnen. Als nächstes meldet sich ein junger Mann. Eine Frage hat er eigentlich nicht, so wie die meisten hier, sie wollen auch nichts lernen von den Staatsvertretern da vorn. Sie wollen sie auf ihre Seite der Realität holen. Da ist wichtiger als die Statistik, dass – so erzählt es der junge Mann jetzt – "vor Kurzem am Hauptbahnhof Polizisten von 40 Nordafrikanern bei einer Drogenrazzia angegriffen wurden". Ein Raunen geht durch das Kirchenschiff.

"Die werden es ohnehin nicht begreifen"

Ein anderer fragt zu den steigenden Asylbewerberzahlen: "Wann ist mal ein Limit erreicht, wo wir sagen: Jetzt ist mal Schluss? Oder steigert sich das ins Unendliche?" Und überhaupt, Dresden sei pleite, "und nun verschulden wir uns für die Ausländer! Die haben doch nie einen Beitrag gezahlt für unser Sozialsystem". Auf der anderen Seite der Kirche steht eine junge Frau auf und berichtet von der Studie, nach der Zugewanderte unterm Strich dem deutschen Sozialsystem sogar Geld bringen.

So geht das eineinhalb Stunden lang, und es ist für alle ungeheuer anstrengend. Für die Gegner des Heims, weil sie sich von oben herab behandelt fühlen. Weil der Bau ja längst beschlossene Sache ist, vergangene Woche in einer aufwühlenden Stadtratssitzung abgesegnet, zusammen mit elf anderen neuen Standorten. Doch erst jetzt hat man sie zum Gespräch eingeladen. Jetzt, nachdem sie mehrere Wochen demonstriert haben, mit Fackelzügen vorbei an ihren Einfamilienhäusern.

Erst nicht zuhören und dann belehren wollen. Das ist genau, was zum gleichen Zeitpunkt in der Innenstadt Pegida-Veranstalter Lutz Bachmann wieder aufregt und auf die "Realitätsverweigerer" in der Politik schimpfen lässt. Er steht wie jeden Montag auf der kleinen weißen Bühne und ruft: "Die werden es ohnehin nicht begreifen. Sie haben den Kontakt zur Basis schon lange verloren und ihre Wähler verraten." Und in Dresden-Klotzsche steht Sylvia Bachmann vom Sozialamt und sagt kleinlaut: "Die Thematik fordert uns auf, neue Informations- und Kommunikationsmöglichkeiten zu finden."

"Ist ja ein Witz hier!"

Frau Bachmann vom Sozialamt. Eine schmale Frau mittleren Alters mit dunklen, leicht rötlichen Haaren, die mit leiser Stimme immer wieder das System verteidigt. Die zur Unterbringungspflicht für Asylbewerber sagt: "Wir haben das zu tun, auch wenn wir keine Plätze haben." Und die es einfach aushält, wenn von den hinteren Kirchenbänken die Rufe schallen: "Dann nehmen Sie die doch!"

Frau Bachmann berichtet von Betreuungsschlüsseln (ein Sozialarbeiter auf 200 Asylbewerber), von der städtischen Arbeitsgruppe Unterbringung, sie erklärt auch das mit den Tunesiern noch mal. Rund 2.000 Asylbewerber kamen dieses Jahr bisher nach Dresden, nach den Russen stellen die Tunesier davon die zweitgrößte Gruppe. 200 sind es, die meisten junge muslimische Männer – und damit für die Anwohner in Klotzsche anscheinend besonders bedrohlich. Bachmann sagt: "Wir können aber jetzt noch gar nicht wissen, wer wirklich einmal in dem Heim wohnen wird."

Was also bringt all das Reden? Am Ende sitzt Bachmann erschöpft vom endlosen Differenzieren in ihrem Sessel vor dem Altar. Die allermeisten Klotzscher schauen zufrieden aus, die Befürworter des Heims waren heute deutlich in der Mehrheit. Doch die hinteren Reihen der Kirche sind da schon längst leer. Dort haben die meisten Gegner gesessen. Sie sind gegangen, einer nach dem anderen, noch während sich ihre Nachbarn und die Menschen da vorn auf der Bühne abmühten, ihnen das Heim in etwas freundlicheren Farben auszumalen. Im Hinausgehen murmelte einer noch: "Ist ja ein Witz hier!"

Keine Angst, eher beleidigte Entschlossenheit

Gegangen ist auch der junge Mann, der von der Auseinandersetzung zwischen Polizei und  Nordafrikanern bei einer Drogenrazzia erzählt hatte. Er hört nicht mehr, wie der Revierleiter ihm antwortet. "Ich habe nie gesagt, dass hundert Prozent der Asylbewerber sich in hundert Prozent der Fälle an alle Gesetze halten. Da haben sie was mit den Deutschen gemeinsam." Da lacht der Saal der Verbliebenen, da lacht die Mehrheit befreit auf.

Die Gegner aber, so scheint es, haben sich durch diese zwei Stunden Bürgergespräch nicht abbringen lassen von ihrem Widerstand. Das gilt für Klotzsche wie für Pegida: Was hier zu spüren ist, an diesem Montagabend in Dresden, das lässt sich schlecht Angst nennen. Es ist eher eine beleidigte Entschlossenheit.

Zu viel ist aus ihrer Sicht in der Vergangenheit falsch gelaufen, als dass sie jetzt noch groß reden wollten mit ihren Gegnern. Nicht mehr über das Asylbewerberheim, dass sie sowieso nicht mehr verhindern können. Und nicht mehr mit der großen Politik, der sie sowieso nichts mehr glauben.  

Der Gesprächsversuch in Klotzsche, er hat wohl nicht viel gebracht. Vielleicht muss Klotzsche nun einfach damit leben, dass ein Teil der Bürger gegen das Heim ist. Dass diese Gräben erst einmal nicht verschwinden. Im Großen aber, bei den 15.000 von Pegida und denen, die vielleicht in den kommenden Wochen noch dazukommen – ist es da auch schon zu spät?