Pegida-Demonstration in Dresden © Hannibal Hanschke/Reuters

Liebe DDR-Bürgerrechtler,

wo seid Ihr? Wo bleibt Euer Protest gegen Pegida, dieses Bündnis selbsternannter "Europäer", das derzeit so schamlos Eure Geschichte kapert? Kann es denn sein, dass Ihr dazu nichts zu sagen habt?

Vor ein paar Wochen wart Ihr noch zu hören. Da habt Ihr Euch empört, als zum 25. Jahrestag des Mauerfalls das Künstlerkollektiv Zentrum für politische Schönheit die weißen Gedenkkreuze für die Mauertoten aus dem Berliner Regierungsviertel entführt und an die EU-Außengrenzen gebracht hat. Eine "Schändung" des Gedenkens habt Ihr darin erblickt, ja einen "Vorgeschmack darauf, wie der Weg zurück in den Totalitarismus aussehen wird". Von "Pietätlosigkeit" und "Dummheit" sprachen viele, die Euch beisprangen. Die Künstler wollten auf die Not von Flüchtlingen aufmerksam machen und protestierten gegen die Abschottung Europas hinter Mauern und Zäunen. Ihr empfandet das als eine ungehörige "Instrumentalisierung" der Geschichte, rücksichtslos gegenüber den Mauertoten und ihren Hinterbliebenen.

Und jetzt? In Dresden – vor allem dort – schart ein Zentrum für politische Scheußlichkeit Anhänger um sich, die so tun, als stünden sie in der Tradition von 1989. Die Kunstaktion für die Rechte von Flüchtlingen hat Euch aufgebracht. Warum schweigt Ihr, wenn das Ressentiment marschiert, wenn Rechtspopulisten gegen Einwanderung hetzen, Flüchtlinge zur Gefahr erklären und sich erdreisten, das Ganze "Montagsdemonstration" zu nennen? Seid Ihr so entsetzt, dass es Euch die Sprache verschlagen hat? Oder sitzt Ihr schon zusammen und verfasst einen Appell?

Vor 25 Jahren zogt Ihr durch die Straßen, jeden Montag wart Ihr mehr. Es war ein mutiger Protest, denn er richtete sich gegen Stärkere, gegen einen autoritären Staat, der seine Bürger unterdrückt und eingesperrt hat. Auch heute gehen Montag für Montag mehr Leute auf die Straße. Ihr Protest richtet sich gegen die Schwächsten der Schwachen.

Dass Pegida dafür die Freiheitsparole der Friedlichen Revolution benutzt, ist unerträglich. "Wir sind das Volk!" Mit diesen Worten habt Ihr einst gegen die Herrschenden aufbegehrt. Heute wenden sie sich gegen "Fremde", die nicht dazugehören sollen. Damals war es ein revolutionäres "Wir", das Mauern eingerissen hat. Heute ist es ein "Wir", das ausschließt und Mauern errichtet. Das kann nicht in Eurem Sinne sein.

Hochachtungsvoll

Die Geschichtsredaktion der ZEIT

Maximilian Probst, Judith Scholter und Christian Staas