Medien berichten manipulativ, verfälschen die Wirklichkeit, ignorieren andere Meinungen: So sehen viele Pegida-Anhänger die deutschen Nachrichtenseiten, Zeitungen und Sender. Deshalb, so hört man von den wenigen, die reden, sprechen Pegida-Anhänger und -Organisatoren nicht mit Medien.

Der NDR wollte über die islamkritische Bewegung in Dresden berichten und hatte dafür am Rande des Demonstrationszuges vom vergangenen Montag einige der etwa 15.000 Teilnehmer interviewt. So wollten die Reporter das Meinungsspektrum der Demonstranten möglichst gut erfassen. Ein repräsentativer Teil davon sollte für einen Bericht zusammengeschnitten werden. Um Kritik an seiner Auswahl zuvorzukommen, veröffentlichte der Sender neben dem Beitrag die Interviewaufnahmen auch ungeschnitten – etwa anderthalb Stunden Material.

Wer diese Langfassung betrachtet, dem fällt sofort ein smarter Typ in Pelzkragenjacke und Strickmütze auf. Inmitten all der sächsischen Demonstranten spricht er fast makelloses Hochdeutsch. In Sätzen, die wie auswendig gelernt klingen, klagt er über Türken ("Manchmal frage ich mich, bin ich eigentlich noch in Deutschland") auf den Straßen des fränkischen Bayreuth.

Schweigen oder sich offenbaren?

Auch im Landesstudio Leipzig von RTL wusste man, dass Pegida-Anhänger selten mit Journalisten reden. Die Redaktion schickte deshalb den Mitarbeiter Felix R. als verdeckten Reporter zur Demonstration in Dresden. Er sollte die Stimmung unter den Teilnehmern so original wie möglich erleben, unbeeinflusst von Kamera und Mikrofon, in deren Gegenwart sich Menschen vielleicht nicht so authentisch verhalten. So sagt es jetzt RTL-Sprecher Christian Körner.

Doch dann trafen beide am Rande des Demonstrationszuges aufeinander: Das Kamerateam des NDR und der verdeckte Reporter des Privatsenders. Die Kameralampe leuchtet ihn an, die Aufnahme läuft. Felix R. wird um seine Meinung zu Pegida gebeten, wie viele Demonstranten vor und nach ihm auch.

Von dem Moment an hätte R. mehrere Möglichkeiten gehabt, sagte jetzt der RTL-Sprecher. Entweder das Gespräch zu verweigern und nichts zu sagen oder sich als Journalist zu offenbaren und klarzustellen, dass er sich als Reporter nicht über Pegida äußern will. R. wählt jedoch einen dritten Weg: Er beginnt, den Pegida-Demonstranten zu spielen, er antwortet, die Islamisierung mache sich breit in Deutschland, das spüre man auch in Bayreuth immer mehr. So wird er vom Reporter zum Akteur.

"Definitiv falsch" verhalten

Das ist irgendwann auch den Berichterstattern des Norddeutschen Rundfunks aufgefallen. Denn das Video wurde nachträglich mit dem Vermerk versehen, bei "einem der Demonstranten" handele es sich um einen Reporter von RTL. Das sei dem Kamerateam nicht bekannt gewesen. Der Mann habe sich gemeldet und beteuert, "dass er eigentlich anderer Ansicht sei und dass diese Aussagen nicht seiner Meinung entsprächen".

Schnell war klar, dass es um den Mann im Pelzkragen ging. Am Samstagmorgen kursierte sein Name auf Twitter, am Nachmittag reagierte RTL. Zwar habe R. als Reporter einige Erfahrung aufzuweisen. In dieser Situation habe er sich aber "definitiv falsch" verhalten, sagte Sendersprecher Körner ZEIT ONLINE.

Möglicherweise überwog für R. die Angst vor der Reaktion der anderen Pegida-Demonstranten, hätte er sich als Reporter zu erkennen gegeben. Andere Teilnehmer hätte es möglicherweise erzürnt, dass der Mann ein RTL-Reporter ist, mit dem sie im Demonstrationszug eben noch vertrauensvoll geplaudert hatten. Wie das eben so ist, wenn man merkt, dass man ausgeforscht wird.

Dass Reporter verdeckt recherchieren, ist ein legitimes Mittel, um Missstände aufzudecken. Auch ZEIT ONLINE nutzt diese Methode, zuletzt beispielsweise, um die Gefahren durch multiresistente Keime in Krankenhäusern aufzuzeigen. RTL aber wollte nicht Missstände aufdecken, sondern Haltungen und Gesinnungen ausforschen. In einer Situation, in der Meinungen und Forderungen der Demonstranten klar zu erkennen sind. Denn sie tragen Transparente bei sich und Plakate, sie rufen Parolen, sie äußern sich im Internet. Und es ist das gute Recht jeden Bürgers, nicht mit Journalisten zu sprechen, wenn er das nicht will.

Den Medien hat RTL mit diesem Vorgehen einen Bärendienst erwiesen. Die Kritik von Pegida-Anhängern hat neue Nahrung erhalten. RTL hat eine Vorlage geliefert, Reportern und ihren Berichten weiterhin zu misstrauen. Schon bei der nächsten Pegida-Demonstration am kommenden Montag werden die Berichterstatter zu hören bekommen, dass das Vertrauen weiter gesunken ist. R. wird dann nicht dabei sein. Wie Körner sagte, wurde im Landesstudio Ost erst am Donnerstag bekannt, dass R. sich hatte befragen lassen – nachdem der NDR die ungeschnittenen Aufnahmen veröffentlicht hatte. Die Konsequenzen würden intern erörtert. Er gehe davon aus, dass R. derzeit nicht im Einsatz ist.