Im Strafverfahren um den Bombenanschlag von Boston will das Gericht am heutigen ersten Prozesstag mit der Auswahl der Geschworenen beginnen. Dschochar Zarnajew werden zahlreiche Verbrechen vorgeworfen, darunter der Gebrauch von Massenvernichtungswaffen. 

Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte der in Kirgistan geborene amerikanische Student Dschochar mit seinem Bruder Tamerlan im Zielbereich des Boston-Marathons zwei Bomben gelegt, die binnen weniger Sekunden explodierten. Laut einem Bericht des Boston Globe hatte er die Tat gestanden. Bei dem Anschlag am 15. April 2013 waren ein achtjähriger Junge, eine 29 Jahre alte Frau und eine chinesische Studentin ums Leben gekommen. Mehr als 260 Menschen hatten Verletzungen erlitten.

Auf ihrer Flucht vor der Polizei erschossen die aus einer tschetschenischen Familie stammenden Brüder einen Polizisten. Einer der Brüder, Tamerlan, starb wenige Tage nach dem Anschlag bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei.

Die Auswahl der Geschworenen soll mehrere Monate dauern. Die fünf Verteidiger Dschochars klagen über riesige Mengen an Unterlagen und wollten den ursprünglich für November geplanten Prozessbeginn zuletzt eigentlich weiter aufschieben. 

Die Anklage macht Druck und fordert die Todesstrafe. Verteidigerin Judy Clarke hat zwar schon einige Schwerverbrecher vor diesem Urteil bewahrt, könnte sich bei Zarnajews Fall aber schwer tun, weil die Anklage bislang jegliche Absprachen ablehnt.

Dem mittlerweile 21-jährigen Zarnajew werden insgesamt 30 Anklagepunkte vorgeworfen. Laut Anklageschrift sollen die Brüder den Anschlag gemeinsam geplant und die Bomben aus Schnellkochtöpfen, Schwarzpulver und Splittern zusammengebaut haben.

Polizisten erschossen, Autofahrer als Geisel genommen

Dschochar Zarnajew plädiert auf nicht schuldig. Beobachter erwarten, dass die Verteidigung versuchen könnte, die Tat vor allem Tamerlan zur Last zu legen, der mit radikalen Islamisten in Kontakt gestanden haben soll.

Nach dem Anschlag konnten sich die Brüder zunächst tagelang verstecken. Als die Bundespolizei FBI Fahndungsfotos von Überwachungskameras am Anschlagsort veröffentlichte, fuhren Tamerlan und Dschochar der Anklageschrift zufolge am 18. April 2013 mit fünf weiteren Sprengsätzen und einer halbautomatischen Schusswaffe zum Campus der örtlichen Universität MIT. Dort erschossen sie demnach einen Polizisten, stahlen ein Auto, entführten den Fahrer und raubten ihn aus.

Todesstrafe im liberalen Nordosten?

Nachdem ihre Geisel flüchten konnte, lieferten sich die Brüder laut Anklage eine Schießerei mit Polizisten. Auf der Flucht vor den Einsatzkräften überrollte Dschochar seinen bereits durch Schüsse verletzten Bruder Tamerlan mit dem Auto. Er versteckte sich im Bostoner Vorort Watertown in einem Boot. Am darauffolgenden Abend wurde er schwer verletzt festgenommen. 

In Massachusetts ist die Todesstrafe zwar seit dem Jahr 1982 abgeschafft, der Prozess wird aber vor einem Bundesgericht in Boston abgehalten. Allerdings liegt Massachusetts im eher liberalen Nordosten der USA, laut Umfragen hält dort eine Mehrheit eine lebenslange Haftstrafe für angemessen. Diese Einstellung könnte sich auch bei den Geschworenen wiederfinden.

Im Juli 2014 hatte ein Gericht bereits einen Helfer der Brüder wegen Strafvereitelung verurteilt. Er hatte einen Rucksack voll Feuerwerkskörper entsorgt und damit nach Ansicht der Justiz Beweise vernichtet.