Amar Lasfar hat am Samstagmorgen einen wütenden Brief erhalten. "Sie sind ein Heuchler, ein Versager", beschimpft der Absender darin den Präsidenten der Vereinigung der islamischen Organisationen in Frankreich (UOIF). Warum er sich in einem Fernsehinterview auf die Seite von Charlie Hebdo gestellt habe, anstatt den Propheten zu verteidigen.

Am nördlichen Rand von Paris liegt der Vorort La Courneuve. Hier, mitten in einem menschenleeren Industriegebiet, zwischen einer Reifen- und einer Papierfabrik steht ein unscheinbares, mehrstöckiges Gebäude. Darin verbirgt sich der Hauptsitz der UOIF, einer der größten muslimischen Vereinigungen in Frankreich, rund 230 Vereine und Organisationen aus ganz Frankreich gehören ihr an.

Der Präsident Amar Lasfar ist an diesem Samstagmittag nicht mehr im Haus, er ist nach der morgendlichen Versammlung nach Lille aufgebrochen, wo um 14 Uhr eine große Solidaritätsdemonstration stattfindet, an der er teilnehmen will. "Es ist wichtig, dass wir Muslime an den Demonstrationen teilnehmen", sagt der Generaldirektor Lekbir Kotbi, der ihn solange vor Ort vertritt. Seine Organisation hat, wie alle großen Islamvertreter, einen landesweiten Aufruf zur Teilnahme an den Demonstrationen gestartet. "Es geht dabei nicht um Rechtfertigung oder Verteidigung. Es ist unsere Pflicht als französische Bürger."

Lekbir Kotbi, Generaldirektor der Vereinigung der islamischen Organisationen in Frankreich © Simone Gaul/ZEIT ONLINE

Die UIOF hat seit dem Attentat vom Mittwoch mehrere Mitteilungen auf ihre Internetseite gestellt, in denen sie die Anschläge verurteilt, der Präsident ist im Fernsehen und im Radio aufgetreten. "Wir wollen in einen Dialog treten, das ist unsere Pflicht", sagt Kotbi. Gleichzeitig erwarte er von den Franzosen, dass sie die Dinge nicht vermischen. "Islam und Terrorismus haben nichts miteinander zu tun."

Die Attentäter hingegen behaupteten, den Propheten Mohammed rächen zu wollen. Der rechtskonservative Figaro schreibt einen Tag nach dem Tod der beiden Kouachi-Brüder in seinem Leitartikel: "Islamisten wollen unser Land unter dem Ruf 'Allahu akbar' zerstören".

Wo Chérif Kouachi seinen Mentor traf

Paris, im 19. Arrondissement, Rue de Tanger. Das Straßenbild ist geprägt vom muslimischen Alltag: arabische Reisebüros, eine muslimische Metzgerei, eine Arabisch-Schule, Männer in afrikanischen Boubous, Frauen mit Kopftuch. In der Gegend leben viele Einwanderer aus Nord- und Westafrika, viele davon sind Muslime. Hinter einem verschlossenen Tor liegt eine Baustelle, die seit Jahren nicht vorankommt. Hier stand bis 2006 die Moschee Adaa'Wa, in der einer der Attentäter, Chérif Kouachi, im Jahr 2003 die verhängnisvolle Begegnung mit Farid Benyettou gemacht haben soll. Jener radikale Islamist wurde Chérifs Mentor; er soll ihn, so steht es in späteren Verhandlungsprotokollen, in den Dschihad eingeführt haben.

Radikale Muslime, die in Moscheen junge, frustrierte und orientierungslose Männer und Frauen als Terroristen rekrutieren: Dieses Szenario macht vielen Menschen weltweit Angst. Es trägt dazu bei, dass Leute sich umsetzen, wenn ihnen gegenüber in der U-Bahn ein bärtiger Mann Platz nimmt, dass sie gegen den Bau von Moscheen in ihrer Nachbarschaft protestieren oder gegen die "Islamisierung des Abendlandes" auf die Straße gehen.

Lekbir Kotbi sitzt in seinem Bürostuhl in La Courneuve und runzelt die Stirn. "Ich fürchte, dass die Attentate zu einer neuen Welle der Islamophobie führen." Vereinzelte Übergriffe haben seit Mittwoch stattgefunden, aus Marseille habe ihm ein Bekannter von einer Frau erzählt, der jemand das Kopftuch herunterreißen wollte. In anderen Städten wurden Scheiben eingeschlagen und Kultstätten beschmiert. "Die Stimmung könnte sich gegen uns richten", sagt er. Um das zu verhindern, seien Dialog und Aufklärung so wichtig.

Aber im Gegensatz zu den großen Religionsvertretern, die die Öffentlichkeit suchen und gekonnt mit den Medien umgehen, fliehen viele einfache Leute sie regelrecht.

Der inoffizielle Gebetsraum

Im 19. Arrondissement, in einer Nachbarstraße der Rue de Tanger treffen sich am Freitagmittag Gläubige aus dem Viertel im Keller eines großen Wohnblocks zum Gebet. Es ist ein inoffizieller Gebetsraum, den die Hausverwaltung mangels Alternativen im Viertel duldet. Eine Journalistin duldet sie hingegen nicht. "Stellen Sie ihre Fragen auf der Straße, hier haben Sie keinen Zutritt", sagt die Hausverwalterin.

Und auch die Leute selbst haben kein Interesse, mit Journalisten zu sprechen. "Ich möchte mich nicht äußern", sagt ein junger Mann und huscht durch das Eisentor. Zwei ältere Männer sagen gar nichts und winken nur ab. Eine Frau erklärt, fast entschuldigend: "Wissen Sie, man sucht jetzt wieder einen Sündenbock. Und wir wollen uns nicht immer für unsere Religion rechtfertigen müssen."

Etwas später, vor der großen Moschee im fünften Arrondissement. Medienvertreter scharen sich vor dem Eingang und warten auf das Ende des Mittagsgebets. Alle wollen die Muslime befragen.

Ein guter Muslim töte niemanden, sagt eine vollverschleierte Frau, die vor der Moschee auf einem Karton sitzt und um Spenden bittet. "Was sind das für Verrückte? Sie instrumentalisieren unsere friedliche Religion." Spontan versammelt sich eine Gruppe Gläubiger und ruft in die Fernsehkameras: "Das geschieht nicht in unserem Namen! Der Islam hat damit nichts zu tun!", einige Männer werden wütend. Ein anderer hält schweigend ein Schild in die Höhe. "Je suis musulman, je suis Charlie" steht darauf – "Ich bin Muslim, ich bin Charlie".

"Seit Generationen leben in Frankreich die Religionen friedlich zusammen", sagt Ibrahim, ein Taxifahrer. "Wir waren alle gleich." Doch seit den 1990er Jahren nähmen die Spannungen zu. "Am 11. September 2001 wurde der Islam endgültig zum terroristischen Feindbild." Jetzt, langsam, riefen die Medien dazu auf, Islam nicht mit Terrorismus gleichzusetzen. "Aber jahrelang haben sie genau das gemacht".