Frage: Sie waren Priesteramtskandidat. Dann warfen Sie alles hin und wurden Filmemacher. Ihr erster Spielfilm handelt nun vom Umgang der Kirche mit dem Thema Missbrauch. Warum kommen Sie von der Kirche nicht los?

Gerd Schneider: Sie gehört zu meinem Leben. Als ich an die Filmhochschule ging, kehrte ich ihr nur scheinbar den Rücken. Ich fing an, alles zu hinterfragen, meinen Glauben, meinen Blick auf Kirche, mein Selbstverständnis.

Frage: Wie haben Sie sich als angehender Priester gesehen?

Schneider: Wir hatten alle das Gefühl, Teil einer Elite zu sein, Mittler zu sein zwischen Mensch und Gott. Wir waren ein bisschen wie Soldaten. Wir gehorchten Befehlen und waren stolz auf den Korpsgeist unserer Truppe. Irgendwann hatte ich keine Kraft mehr, weil ich mich nicht mehr damit identifizieren konnte. Da habe ich etwas anderes gemacht.

Frage: In Ihrem Film Verfehlung ist der Korpsgeist genau das Problem: Dominik, ein Priester, hat sich an zwei Teenagern vergangen. Sein Mitbruder Jakob will die Sache aufklären und scheitert an einer Institution, die vor allem mit sich selbst und nicht mit den Opfern solidarisch ist. Ist das typisch katholisch?

Schneider: Nein. Eine derart verzerrte Wahrnehmung liegt in der Natur von Systemen. Da unterscheidet sich die Kirche kaum von einer Investmentbank, die sich keiner Schuld bewusst ist, wenn sie Milliarden verzockt.

Frage: Doch beim Missbrauch geht es nicht um Milliarden, sondern um Menschen. Es geht um eine Institution, die einen anderen Anspruch haben müsste an sich als eine Bank.

Schneider: So ist es. Doch dafür muss man die Kirche sehen können, wie sie ist. Das geht nur aus der Distanz: Die Kirche ist ein absolutistisches System, in dem Kritik häufig als Infragestellung des eigenen Absolutheitsanspruchs gilt. Wer Kritik übt, bekommt zu hören: Die Kirche ist eine Mutter, und eine Mutter schlägt man nicht. Dieses Denken war nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft lange Zeit verbreitet. Erst die Säkularisierung schuf die nötige Distanz, die vor fünf Jahren das Öffentlichwerden des jahrzehntelangen Missbrauchs in Institutionen der Kirche möglich machte. Viele übersehen: Damals kam nichts zutage, was man vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahre nicht auch hätte wissen können. Man wollte es nur nicht wissen.

Frage: Ihr Film ist also ein Kommentar zum Missbrauchsskandal, vor den Kirchenvertreter immer noch gerne das Wörtchen "sogenannt" setzen?

Schneider: Das wäre etwas platt. Ich habe mit den Recherchen zu Verfehlung vor sieben Jahren begonnen. Damals interessierte das Thema Missbrauch durch Priester in Deutschland niemanden. Aber es interessierte mich.

Frage: Warum? Sind Sie mit dem Thema selbst in Berührung gekommen?

Schneider: Einmal. Ein Mitbruder gestand mir, dass er sich zu Jungs hingezogen fühlt. Ich habe ihm dringend geraten, sich professionelle Hilfe zu suchen. Ich war geschockt – und froh.

Frage: Froh?

Schneider: Dass er es sagt, dass er sich anvertraut, dass er nicht nur betet und seine Neigung verdrängt. Denn das ist eines der Hauptprobleme: Die Mehrheit des Klerus setzt sich nicht mit der eigenen Sexualität auseinander. Doch den Zölibat leben heißt die eigene Sexualität anerkennen. Nicht umsonst kultiviert die Kirche noch immer eine leibfeindliche Haltung: Sie besteht aus Menschen, denen ihr Leib fremd ist und die oft die emotionale und sexuelle Reife eines Zwölfjährigen besitzen.