Liebe Leserinnen und Leser! 

Hier und heute beginnt meine Kolumne Fischer im Recht. Weil das Meer des Rechts tief und dunkel und die Mittel zu seiner Erkundung begrenzt sind, ist jeder Fischzug zunächst nur ein Versuch. Warum und mit welchem Ziel ich ihn unternehme, will ich in vier Anmerkungen festhalten: 

Begrenzungen

Die Kolumne soll sich mit dem Recht befassen. Gemeint ist das in einem breiten Sinn: Die Themenspanne umfasst Voraussetzungen und Bedingungen, Formen und Begründungen, Bedeutungen und Ziele, Wege und Wirkungen des Rechts.

Sie mögen fragen: Warum derart komplizierte Themen? Warum nicht einfach ein weiterer Pranger für Fehler, Skandale, Zumutungen, Unzulänglichkeiten des Rechts – diesmal aus höchstrichterlichem, also einigermaßen kompetentem und angeblich besonders mächtigem Mund?

Meine Antwort: Diese Kolumne soll kein Ort sein für die unendlichen Rechthabereien des Alltags. Jeden Tag werden tatsächliche oder vermeintliche Sensationen des Versagens von Gerechtigkeit auf der Medienbühne verhandelt, oft von Menschen, die wenig von der Sache verstehen. Die Sensationen entschlafen auf Nimmerwiedersehen zur Nacht – und der nächste Tag enthüllt eine noch unerhörtere Ungerechtigkeit.

So kann, wer will, die Welt des Rechts verstehen: als Folge von Skurrilitäten oder Unverschämtheiten, unendliche Abfolge von Witzen über Gurkenkrümmung, Mietpreisverordnung und abwegige Steuergesetze. Wer damit zufrieden ist, hat gewiss auch seine "Überzeugungen": Sie laufen freilich meistens darauf hinaus, dass immer die anderen ungerechtfertigt bevorzugt und man selbst ungerecht benachteiligt sei. Das kann nicht die ganze Wahrheit sein. Die Wahrheit ist in den meisten Fällen vielgestaltig, kennt ein einerseits und andererseits und muss oft mit nur mittelmäßigen Lösungen auskommen.

Sachkunde hilft, Schwierigkeiten zu verstehen und unter Umständen auch auszuhalten. Die Kolumne will sich um Vermittlung bemühen. 

Soziologie

Viele Menschen, die einen Rechtsstreit verloren haben – oft nach Regeln, die ihnen bis dahin unbekannt waren –, zweifeln an der Kraft des Rechts, manchmal mit gutem Grund, manchmal aus Rechthaberei. Sie wünschen sich "Gerechtigkeit". Sie vergessen, dass die andere Seite genau dasselbe verlangt, und dass man über Regeln und ihre Voraussetzungen nur schimpfen darf, wenn man sich zuvor Mühe gibt, ihren Sinn zu verstehen.

Recht und Justiz sind aber derzeit oft nur wahllose Ziele einer letztlich ziellosen, dumpfen Empörung: Mag sie die eigene Ohnmacht zum Gegenstand haben oder das Unrecht des Alltags, oder "die da oben", die den Weltlauf bestimmen, und "die da unten", die uns Angst machen. Immer wieder erscheinen die Regeln falsch oder diejenigen, die sie anwenden, als unwissend oder unwillig.

Bei uns gilt als Kabarett-Künstler, wer das Wort Bundesverfassungsgericht so ausspricht, als könne ein bei Sinnen befindlicher Mensch nicht ertragen, was dieses Gericht anrichtet. Zum Beweis folgt dann die Verlesung einer bürokratisch anmutenden Formulierung dieses Gerichts. Der Sprachkünstler suggeriert, die "Juristensprache" und das geltende Recht seien Ausgeburten des Wahnsinns. Nach der Vorstellung prüft er allerdings sorgfältig die Klauseln seines Vertrags, ob sich nicht noch ein paar Euro herausquetschen lassen.

So ist der Mensch: Das Publikum lacht und merkt gar nicht, dass es sich selbst zum Narren macht. Hätte der Künstler nämlich recht, wäre das Ende des Rechtsstaats gekommen. Die Leute klatschen trotzdem. Sie haben 20 Euro Eintritt bezahlt.

Pessimismus

Der Deutsche weiß alles über Hinterradaufhängungen, Wachteleier an Kokoscreme und Dehydrierung beim Halbmarathon. Von den Grundregeln des Rechts versteht er dagegen nicht viel.