Die Vorzüge der neuen Unterkunft für Flüchtlinge hat Hans-Bernd Marks schnell parat. "Hier haben sie einfach viel mehr Platz zum Leben als in der alten Unterkunft, mehr Privatsphäre", erzählt der Vorsitzende des ehrenamtlichen Arbeitskreises Asyl in Schwerte. "Und der nächste Supermarkt ist nur zehn Minuten entfernt." 

Aber natürlich, räumt der 68-Jährige mit seiner gemütlichen Stimme ein, der Ort, der habe schon auch "eine historische Altlast". Es geht um die NS-Vergangenheit Schwertes. 

21 Asylbewerber sollen in der Kleinstadt bei Dortmund in eine Außenstelle des KZ Buchenwald umgesiedelt werden. In der Zeit des Nationalsozialismus mussten hier, im KZ Schwerte-Ost, umzäunt von Stacheldraht und bewacht von SS-Leuten, zeitweilig über 700 ausländische Zwangsarbeiter schuften. Ist das so eine gute Idee, Flüchtlinge an diesem belasteten Ort einzuquartieren?

Kaum Alternativen

Der Plan sei "zynisch und geschichtsvergessen", empörte sich die Linken-Bundestagsabgeordnete Ulla Jelpke. Auch NRW-Sozialminister Guntram Schneider (SPD) legte der Stadt dringend nahe, von der Idee abzusehen. Flüchtlinge in ehemaligen Arbeitslagern unterzubringen, könne auf keinen Fall Teil der Willkommenskultur Deutschlands sein, sagte er im Integrationsausschuss des Landtags.

Aus Sicht der Stadt gibt es allerdings kaum Alternativen. Schwerte ist nahezu pleite, hat rund 60 Millionen Euro Schulden. Die Zahl der Flüchtlinge in der 45.000-Einwohner-Stadt hat sich seit 2011 verdreifacht. "100 von ihnen leben in einem Übergangsheim, das eigentlich nur für rund die Hälfte an Menschen ausgelegt ist", sagt Flüchtlingsvertreter Marks. Die Folge: In einem 24-Quadratmeter-Zimmer schlafen bis zu sechs fremde Männer zusammen, bis zu 18 teilen sich ein kleines Bad. "Das ist kaum noch menschenwürdig."

Der Umzug von 21 Asylbewerbern aus dem Übergangsheim in die Baracke im ehemaligen Arbeitslager sollte eigentlich schon am Donnerstag stattfinden. Er sollte helfen, die Lage in Schwerte zu entspannen. Stattdessen hat er der Stadt einen gewaltigen Image-Schaden beschert. Selbst in Neuseeland wird über den Plan geschrieben, Flüchtlinge in einem "Nazi-Camp" unterzubringen.

Auch deswegen wagt sich die Stadtverwaltung nun aus der Deckung – nachdem sie zunächst Anfragen abblockte. Bei einer Pressekonferenz am Freitagmorgen drängeln sich Journalisten der großen Fernsehsender und Tageszeitungen im Sitzungssaal des Schwerter Rathauses. So viel Medienaufmerksamkeit ist man hier nicht gewohnt. Bürgermeister Heinrich Böckelühr (CDU) geht direkt zur Verteidigung über: "Wir haben in Schwerte keinen Nachholbedarf in puncto Erinnerungskultur."

Die Stadt habe ihre Rolle im Dritten Reich sorgsam aufbereitet, seit 25 Jahren gebe es eine Gedenkstätte auf der KZ-Außenstelle.  Außerdem sollen Nachforschungen des Westfälischen Denkmalamts die Situation entspannen: Böckelühr gibt bekannt, dass das fragliche Gebäude, in das die Flüchtlinge einquartiert werden sollen, zur NS-Zeit noch gar nicht existiert habe.  Eine Mitarbeiterin habe zwei Tage lang Luftaufnahmen analysiert und sei zu dem Schluss gekommen, dass die alte KZ-Baracke wohl abgerissen und in den 1950ern ein neues Gebäude errichtet wurde. "Hier haben also weder Zwangsarbeiter noch SS-Leute gewohnt." Die Luftaufnahmen könne er leider nicht zeigen, räumt der Bürgermeister ein.