ZEIT ONLINE: Herr El Difraoui, in Frankreich sind Staat und Religion konsequenter getrennt als in Deutschland, und man versteht sich dort auch schon viel länger als Einwanderungsland. Entsprechend läuft die Integrationspolitik ganz anders. Hat Frankreich also auch ganz andere islamistische Terroristen?

Asiem El Difraoui: Die Voraussetzungen sind ganz andere, aber der Erfolg der Dschihadisten ähnelt sich doch erstaunlich. Frankreich war schon Anfang der 1990er Jahre dem dschihadistischen Terror ausgesetzt. Damals gab es schon eine Art arabischer Frühling in Algerien – freie Wahlen. Die Islamistische Heilsfront gewann den Urnengang, aber dann kam es zu einem Putsch der Militärs, den Frankreich zumindest tolerierte. Es folgte eine Attentatswelle in Frankreich. Es wurden Anschläge auf den Vorortszug von Paris sowie das Quartier Latin verübt und ein Air France Airbus wurde entführt. Frankreich hat dann vor allem den Sicherheitsapparat massiv gestärkt und Islamisten ausgewiesen. Scheinbar erfolgreich: Denn es war 20 Jahre vom Terror verschont und hat sich sicher gefühlt.

ZEIT ONLINE: Gehören die Attentäter zu den neuen, durch die sozialen Netzwerke radikalisierten Jugendlichen?

El Difraoui: Nein, die Radikalisierung hat vermutlich schon vorher begonnen – zur Zeit der US-Besetzung des Iraks 2005. Aber sie fühlten sich möglicherweise erst jetzt ermutigt von dem Aufruf vom IS, Einzelaktionen zu starten. Doch wie in Deutschland, zum Beispiel in Dinslaken, finden sich auch in Frankreich inzwischen Dschihadisten in Kleinstädten durch soziale Netzwerke zusammen, um nach Syrien in den Krieg zu ziehen. So unterschiedlich die Voraussetzungen sind – wir müssen eingestehen, dass es offensichtlich einiges gibt, was Jugendliche in Dinslaken mit über 30-Jährigen aus den Banlieues von Frankreich vereint. Was fehlt, sind empirische Studien.

ZEIT ONLINE: Kommt die dschihadistische Szene vor allem aus den Vororten, in denen die sozial abgehängten Einwanderer leben?

El Difraoui:
Die soziale Lage kann zur Radikalisierung beitragen, aber diese nicht allein erklären. Das hat man in Frankreich lange nicht erkannt und den Einfluss von Religion ignoriert. Man dachte: Jugendzentren bauen, Häuser neu streichen, mehr Lehrer einstellen – damit löst sich das Problem schon. Aber Studien haben gezeigt, dass die Jugendlichen Institutionen wie Schulen und Sozialarbeiter gar nicht mehr anerkennen. Polizisten hassen sie regelrecht. Deshalb erreichen diese Maßnahmen manche Leute überhaupt nicht. Zwar ist es inzwischen Ziel, mehr Migranten und Muslime in die Institutionen hineinzuholen – aber das ist ein langsamer Prozess. Auch das ist ähnlich in Deutschland.

ZEIT ONLINE: Und wie sieht es aus mit Präventionsprogrammen gegen den Islamismus?

El Difraoui: Erst die jetzige Regierung hat begonnen, Präventionsprogramme gezielt zu Islam und Dschihadismus in Frankreich zu starten. Deutschland ist da viel weiter. Aber: Die absolute Zahl der Franzosen, die sich in Syrien dem IS anschließen, erscheint zwar sehr hoch, sie ist aber proportional an der Zahl der Muslime in Europa am niedrigsten.

ZEIT ONLINE: Und wie verhalten sich die Verbände der Muslime?

El Difraoui: Es gibt in Frankreich muslimische Unternehmer, die sich untereinander organisieren. Aber für die nicht privilegierten Leute ähnelt die Situation wieder der deutschen. Der Islamrat in Frankreich bedeutet jungen Muslimen gar nichts, sie empfinden ihn als zu alt und jenseits ihrer Lebenswirklichkeit. Verbände vertreten oft fremde Staaten: marokkanische, algerische, oder die Positionen der Muslimbrüder. Wenn Jugendliche in die herkömmliche Moschee gehen, fühlen sie sich nicht willkommen, weil sie kein Arabisch können. In die Lücke preschen dann die Salafisten und Dschihadisten mit ihren einfachen Botschaften im Slang-Französisch der Vororte und der Ästhetik der Jugendkultur. Die Salafisten wurden in Frankreich auch mit viel Geld aus Saudi-Arabien unterstützt.

ZEIT ONLINE: Ist es da eher ein Vorteil oder ein Nachteil, dass Frankreich ein konsequent laizistischer Staat ist?

El Difraoui: Das schafft andere Handelsoptionen, aber auch andere Gefahren. Der Staat kann zum Beispiel viel einfacher die Verschleierung verbieten, aber radikalisiert das nicht einige Menschen noch mehr? Die strikte Trennung von Staat und Religion schränkt aber auch ein. Der Staat kann nicht wirklich über Lehrpläne in religiöse Prozesse eingreifen, also  Schülern beibringen, den friedlichen Islam vom Salafismus und wiederum vom gewaltbereiten Dschihadismus zu unterscheiden.  

Dr. Asiem El Difraoui (1965) ist Politologe, Volkswirt und Dokumentarfilmautor. Er forscht zurzeit am Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po.) zu Deradikalisierung und Prävention des Dschihadismus.