Eine Mehrheit der Deutschen hält den Islam für gefährlich, viele sympathisieren mit den Parolen der Organisation "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes" (Pegida). Das ist das Ergebnis einer Sonderauswertung des "Religionsmonitors" der Bertelsmann-Stiftung, der am heutigen Donnerstag veröffentlicht wird. Die Befragung wurde vor dem Anschlag auf die Redaktion von Charlie Hebdo durchgeführt, der die Debatte über Islamismus in Europa weiter anheizen könnte.

Laut der Umfrage sehen 57 Prozent der Deutschen im Islam eine Bedrohung. 40 Prozent fühlen sich wie "Fremde im eigenen Land" und 24 Prozent würden Muslimen am liebsten ganz die Zuwanderung nach Deutschland verbieten.

Dabei unterscheiden die Deutschen kaum zwischen Islam und Islamisten, zwischen gut integrierten Muslimen und Fanatikern. Lediglich ein Viertel der Deutschen nimmt den Islam als Bereicherung war. Der Islam ist damit die Religion mit dem mit Abstand schlechtesten Image in Deutschland.

Woher kommen diese negativen Einschätzungen? Schließlich hält sich eine Mehrheit der Deutschen – auch das ist ein Ergebnis der Studie – für tolerant. Sind die Deutschen also blind für die eigenen Vorurteile, wenn es um das Thema Islam geht? Ja, sagt Kai Hafez, Kommunikationswissenschaftler der Universität Erfurt und Co-Autor der Bertelsmann-Studie in einem Interview mit der ZEIT-Beilage Christ & Welt. "Die Islamwahrnehmung hinkt eindeutig hinter der Akzeptanzfähigkeit der postmodernen liberalen Gesellschaft hinterher." Aller realen oder nur eingebildeten Toleranz zum Trotz bleibe der Islam "eine Art Restfeindbild unserer aufgeklärten Gesellschaft", so Hafez. 

Medien berichten oft nur über Salafisten

Islamfeindlichkeit ist nicht erst seit Pegida in allen politischen Lagern und gesellschaftlichen Schichten zu finden – bei Rechtskonservativen, in der bürgerlichen Mitte und sogar im linksliberalen Milieu. Und offenbar steigt die Zahl derer, die diese Ansicht vertreten: Waren im Jahr 2012 noch 52 Prozent der Deutschen der Meinung, dass der Islam nicht in die westliche Welt passt, sind es 2014 bereits 61 Prozent.

Die aktuelle Islamfeindlichkeit der Deutschen lasse sich mittlerweile, so ein Fazit der Studie, mit dem "Salon-Antisemitismus im 19. Jahrhundert" vergleichen. Die Islamisten, die die multikulturelle Gesellschaft genauso ablehnen wie viele Demonstranten in Dresden, dürften von dieser Entwicklung profitieren: Sie spekulieren darauf, dass sich die Muslime in Deutschland radikalisieren, wenn sie sich zunehmenden Vorurteilen, Beleidigungen und Repressionen ausgesetzt sehen.

Ist es in dieser aufgeladenen Situation trotzdem möglich, der Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken? Der Kommunikationswissenschaftler Kai Hafez sieht vor allem die Medien in der Pflicht. Sie hätten in der Vergangenheit zu negativ und verzerrt über den Islam berichtet. Sie seien somit mit schuld, dass viele Menschen in Deutschland "vom Islam nichts anderes als IS, Gewalt und Salafisten" kennen würden und lediglich die Unterdrückung der Frau und die Ablehnung demokratischer Werte mit der Religion verbinden. Dabei sind viele in Deutschland geborene Muslime der zweiten und dritten Generation, so ein weiteres Ergebnis der Studie, zwar in der Tat religiöser als ihre Eltern, bekennen sich jedoch in der großen Mehrheit zu den Werten des Grundgesetzes und der Demokratie.

Doch wollen die Deutschen überhaupt eine differenzierte und an überprüfbaren Fakten orientierte Berichterstattung über den Islam? Verfangen bei Ihnen noch Berichte über gelungene Integration und Nachrichten, die nichts beschönigen, aber auch nichts dramatisieren? Wer in Dresden bei den Pegida-Protesten die Menschen darauf hinweist, dass es mehr Demonstranten als Muslime in Sachsen gibt, dem singt der Pegida-Chor sein Lied von der "Lügenpresse" und marschiert einfach weiter.    

Die Sonderauswertung der Bertelsmann-Stiftung zum Thema Islam bezieht sich auf das deutsche Sample des internationalen Religionsmonitors. Sie wurde durch eine repräsentative Bevölkerungsstichprobe von TNS-Emnid aus dem  November 2014 unter 937 Nicht-Muslimen in Deutschland ergänzt.