ZEIT ONLINE: Herr Murtaza, mehr als die Hälfte der Europäer fürchtet sich vor dem Islam, obwohl sich diese Menschen selbst eher als tolerant gegenüber verschiedenen Religionen verstehen. Warum ist das so?

Muhammad Sameer Murtaza: Der Islam ist nach dem Christentum die inzwischen größte und noch dazu eine sehr sichtbare Religionsgemeinschaft: Wir sehen in Innenstädten Moscheen, Frauen mit Kopftüchern und erleben, wie Kantinen an Schulen und Universitäten Rücksicht auf muslimische Speisegebote nehmen. Diese europäische Offenheit im Zuge der Religionsfreiheit kann dazu führen, dass Menschen sich im eigenen Land fremd fühlen und sich vor gesellschaftlichen Veränderungen fürchten. Aber eine Gesellschaft, die sich – im Einklang mit ihren Werten – nicht wandelt, ist eine tote Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Deshalb glauben die Menschen, der Islam befürworte Gewalt?

Murtaza: Die zweite Ursache der Islamophobie ist, dass seit den Anschlägen vom 11. September der Islam als eine gewalttätige Religion auffällt. Menschen muslimischen Glaubens morden im Namen Gottes, im Namen des Propheten, im Namen des Korans. An diesem negativen Bild des Islam sind diese Gewalttäter und Möchtegernmuslime Schuld. Angst vor Terror im Namen des Islam ist also berechtigt. 

Gott sei Dank haben wir aber seit 2001 auch gelernt, dass diese Gewalttäter eine zutiefst problematische Minderheit innerhalb des Islam sind, die alle töten, Nichtmuslime und Muslime. Damit sind sie unser aller Problem und nur wir gemeinsam können dieses Problem lösen.



ZEIT ONLINE: Muss sich der Islam selbst reformieren

Murtaza: Wir brauchen keine Reform des Islam, sondern eine ethische rationale Lesart des Koran. Er entstand in der Stammesgesellschaft Arabiens im 7. Jahrhundert. Universale Werte mussten damals Rücksicht auf die arabische Sprache, auf die Kultur, die Denkweise und die sozioökonomische Struktur nehmen. Eine wörtliche Lesart der Offenbarung übersieht heute nicht nur diese universalen Werte, sondern bietet die Vorlage für religiöse Tyrannei. Viele Muslime machen es sich damit bequem und verklären die Vergangenheit zu einem Goldenen Zeitalter, das wiederhergestellt werden muss. Das gebiert Archäologen, deren geistige Kräfte rückwärts, nicht vorwärts, gerichtet sind.

ZEIT ONLINE: Archäologen? Sie meinen die Salafisten und Dschihadisten?

Murtaza: Ja. Sie verkennen, dass alles Leben Wandel ist. Eine Regel, die in der Zeit des Propheten gerecht war, kann in einem anderen gesellschaftlichen Kontext umschlagen in Ungerechtigkeit. Deshalb ist es so wichtig, dass Barmherzigkeit und Nächstenliebe die ethische Grundlage einer Koraninterpretation sind.

ZEIT ONLINE: Wie sollte der Koran stattdessen gelesen werden?

Murtaza: Wir sollten die Offenbarung als ein anvertrautes Gut verstehen. Rechtleitung in ihr findet der Mensch nicht durch eine massenkompatible Lesekultur des Findens, sondern nur durch eine wissenschaftliche Lesekultur des Suchens, also der Auseinandersetzung mit dem Text.
Interpretation ist zwar Teil des religiösen Wissens einer Glaubensgemeinschaft. Sie darf aber mit der Religion nicht gleichgesetzt werden. Sie ist lediglich der Versuch, der göttlichen Rechtleitung nahezukommen. Das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Herangehensweise an die Offenbarung ist Demut, Bescheidenheit und Toleranz gegenüber anderen Islamentwürfen bis hin zu anderen Religionsentwürfen.

ZEIT ONLINE: Ist Gewalt Teil der heute üblichen Interpretation des Islam

Murtaza: Jede Religion und Weltanschauung besitzt ein Friedenspotenzial und ein Gewaltpotenzial. Die Religionsgemeinschaften entscheiden selbst, in welche Richtung sie gehen. Nach 3.000 Jahren Judentum, 2.000 Jahren Christentum und 1.400 Jahren Islam zeigt sich aber, dass die Geschichte der drei abrahamischen Religionen nicht von Mördern und Verbrechern dominiert ist. Aber das Wesen dieser drei Religionen wurde wiederholt pervertiert.

Die Ursache für die entfesselte Gewalt im Namen des Islam liegt in den Folgen des Niederganges des Osmanischen Reiches und dem Kolonialismus. Beides führte dazu, dass die islamische Infrastruktur von Gelehrsamkeit und Wissen gänzlich zerstört wurde. Während und nach der Dekolonisation haben vor allem Laien das Verständnis des Islam geprägt. Es waren Laien wie Hasan Al-Banna und Sayyid Qutb, die den Dschihad zur Individualpflicht eines jeden Muslims erklärten und ihn als einen revolutionär romantischen Befreiungskampf stilisierten. Dieselbe Krise des islamischen Wissens haben wir nun auch in Europa, wo es bisher keine Infrastruktur islamischen Lernens gibt. Auch hier dominiert die schlimmste Sorte von Laien, Leute wie Pierre Vogel, Sven Lau oder Abou-Nagie für zu viele Muslime, was Islam ist. Pierre Vogel erklärt den Islam in 30 Sekunden. Der Prophet Muhammad hat hierzu 13 Jahre in Mekka gebraucht. Was sagt dies über Pierre Vogel und ähnliche Konsorten aus? Dass sie Ahnungslose sind und dass Dummköpfe den Islam lehren.

ZEIT ONLINE: Aber für Muslime ist es doch beleidigend, wenn Mohammed karikiert dargestellt wird?