1. Der Raum der gesellschaftlichen Anerkennung des Islam in Deutschland ist sehr begrenzt.

In Ländern wie Deutschland, der Schweiz oder Spanien ist die Wahrnehmung einer Bedrohung durch den Islam besonders stark ausgeprägt, wobei zwischen "dem Islam" und islamistischem Terrorismus nicht hinreichend unterschieden wird. Obwohl andere europäische Staaten wie Großbritannien, Frankreich oder Schweden in weitaus höherem Maße Opfer terroristischer Anschläge geworden sind, ist in Deutschland die Angst vor dem Islam ausgeprägter. Lediglich ein Viertel der deutschen Bevölkerung nimmt den Islam als potenzielle Bereicherung wahr. Bei weiten Teilen der Bevölkerung dominiert ein Negativbild des Islam.

2. Die Mehrzahl der Menschen in Deutschland neigt in Bezug auf den Islam zu weitaus stärkeren negativen Stereotypen und Feindbildern als bei anderen Religionen.

Interpretiert man die Daten des Religionsmonitors im Kontext anderer großer Studien zu manifesten Stereotypen des Islam, die nicht nur mit Bedrohungsängsten zu erklären sind, so wird deutlich, dass in Deutschland und in anderen europäischen Staaten ein sehr negatives Bild vom Islam vorherrscht. Der Islam wird überwiegend als gewalttätig, intolerant und repressiv wahrgenommen. Das Bild des Islam ist damit sehr viel schlechter als das der anderen großen Weltreligionen Judentum, Christentum, Buddhismus und Hinduismus. Die auch bei diesen Religionen gelegentlich vorhandenen extremistischen und repressiven Phänomene werden weitgehend übersehen.

3. Obwohl Muslime heute als größte religiöse Minderheit in Deutschland und dem übrigen Europa hauptsächlich als normale Bürger leben, wird ihre Religion überwiegend als unvereinbar mit dem Westen betrachtet.

Die Daten des Religionsmonitors verdeutlichen eine europäische Gesamtlage, wonach etwa die Hälfte bis zwei Drittel der europäischen Bevölkerungen den Islam als nicht in die westliche Welt passend betrachten.

Zwar ist dies keine eindeutige Abwertung des Islam, sondern lediglich eine Abgrenzung zum Westen und zur eigenen Kultur. In der Forschung werden solche Bilder aber als versteckte Stereotype bezeichnet. Diese Abgrenzung vom Islam und eine damit einhergehende Ausgrenzung der Muslime schaffen ein gesellschaftliches Klima, aus dem beträchtliche gesellschaftliche Spannungen erwachsen können.

4. Die größte Minderheitenreligion Europas bleibt von den weithin propagierten Werten der freien und liberalen Gesellschaft ausgeschlossen und isoliert.

Das verbreitete Negativbild des Islam steht im Widerspruch zu der Tatsache, dass die überragende Mehrheit der Befragten Religionstoleranz im Allgemeinen begrüßt und immerhin noch eine Mehrheit religiöse Vielfalt auch im eigenen Gesellschaftsumfeld befürwortet. Beide Werte sind für den gesellschaftlichen Zusammenhalt von Bedeutung. Die Daten des Religionsmonitors zeigen allerdings, dass negative Stereotype des Islam auch im liberalen Bürgertum verbreitet sind, und zwar auch dort, wo ein Selbstbild der Toleranz gepflegt wird. Wahrscheinlich ist es weniger die soziale Erwünschtheit, die die Toleranzwerte in der Befragung hochtreibt; vielmehr sind Toleranzeinstellungen vermutlich tatsächlich stark ausgeprägt, sie beziehen allerdings den Islam nicht ein. Er wird offenbar weniger als Religion und Kultur denn als politische und extremistische Ideologie betrachtet. Kognitive Dissonanz und Wertekonflikte werden vermieden, da der Islam durch selektive Wahrnehmung als politische Ideologie der übergeordneten Norm der Religionstoleranz entzogen wird.

Bei dem Negativbild des Islam handelt es sich insofern nicht um konkrete Islamkritik, sondern um als Realismus getarnte Intoleranz.

5. Islamfeindlichkeit ist keine randständige Erscheinung, sondern sie ist ein "salonfähiger" Trend, der mit dem Salon-Antisemitismus des 19. Jahrhunderts vergleichbar ist.

Manifeste und latente Stereotype verfestigen sich insgesamt zu einer ausgeprägten Islamfeindlichkeit bei der Hälfte bis zu zwei Dritteln der Menschen in Deutschland und den anderen europäischen Ländern. Dieser Islamfeindlichkeit stehen anerkennende und tolerante Vorstellungen bei einem Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerungen entgegen. Vergleiche mit dem Salon-Antisemitismus vergangener Zeiten bieten sich an, wobei Parallelen zum Antisemitismus des 19. Jahrhunderts mit seinen Vorstellungen einer Religionsminderheit, die die Gesellschaft bedroht, ausgeprägter sind als Parallelen zur Zeit des Nationalsozialismus. Islamfeindlichkeit basiert auf mehr oder weniger ausgeprägten Feindbildern. Dabei handelt es sich allerdings nur in den seltensten Fällen um ein voll ausgeprägtes rassistisches Weltbild, das zusätzlich zur Islamfeindlichkeit auch eine Intoleranz gegenüber Vielfalt im Allgemeinen beinhaltet. Heute jedoch geht Islamfeindlichkeit mit einer allgemeinen Religionstoleranz einher.

6. Das Islambild ist bei jüngeren Menschen besser als bei älteren Menschen.

Jedoch ist unklar, ob sich dieses Ergebnis bereits als stabiler Generationeneffekt einer Differenzierung des Islambildes interpretieren lässt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass dort, wo die Menschen mit religiöser Vielfalt aufwachsen, Muslime auch eher als Teil Deutschlands angesehen werden. Allerdings spricht das auch unter Jüngeren noch stark verbreitete Negativbild des Islam dafür, dass neben dem sozialen Umfeld noch weitere Faktoren für das Islambild ausschlaggebend sind.

7. Politische Ideologien in Deutschland wenden sich zwar gegen Islamfeindlichkeit, haben aber bislang offensichtlich keine Ideen für eine positive Inklusion des Islam in die westliche Welt entwickelt.

Von zentraler Bedeutung ist die Frage, warum politische Ideologien zwar einen erkennbaren, aber keinen durchschlagenden Effekt auf das Islambild besitzen. Einerseits wirkt sich die größere Akzeptanz der multikulturellen Diversität in den politischen Mitte-links-Milieus in Deutschland und die Tatsache, dass die politischen Parteien in diesem Spektrum Islamfeindlichkeit als drängendes politisches Problem erkannt haben, positiv auf das Islambild aus. Andererseits stimmen immerhin noch über die Hälfte der Befragten in der politischen Mitte und über 40 Prozent im Mitte-links-Spektrum der These zu, der Islam passe nicht in die westliche Welt. Durch fehlende Ideen für eine positive Inklusion des Islam ist es auch im linksliberalen und linksalternativen Milieu möglich, gerade durch versteckte Stereotype islamfeindliche Einstellungen zu kultivieren.