Vergewaltigende, mordende, brandschatzende Verbrecher, die sich auf einen Gott und seinen Propheten berufen: Es braucht keine theologische Expertise, um zu verstehen, dass hier keine Rechtgläubigen am Werke sind. Und doch finden sich nicht wenige von uns Anschlag für Anschlag erneut in einer Art impliziten Erwartungshaltung wieder, die Muslimverbände unseres Landes mögen sich doch bitte von den Gräueln dieser religiös motivierten Gewalt distanzieren. Kaum waren in Paris die letzten Racherufe für Mohammed verklungen, witterten die falschen Propheten des Abendlandes auch schon Morgenluft und twitterten selbstzufrieden über Vorahnung und Trauerflor.  

Drehen wir den Spieß einmal um und stellen eine einfache Frage: Kann es sein, dass es für Vergewaltiger, Mörder und Brandschatzer aller Welt derzeit eine beliebte Taktik geworden ist, ihre Gewaltgelüste hinter der Lehre eines Propheten zu verstecken, der sich gegen eine solche Vereinnahmung einfach nicht wehren kann? Einen deutlichen Hinweis darauf liefern jene westlichen Konvertiten und ehemaligen "Gelegenheitsmuslime" (so einer der Pariser Attentäter über sich selbst), die den Krieg gegen die Ungläubigen dazu nutzen, eigene psychische Defizite möglichst effekthascherisch zu externalisieren.

Ein wichtiger Grund für diesen Trend zum islamischen Etikett lautet mit Sicherheit: mangelnde Alternativen. Mit der Krise des Christentums und dem Scheitern des Sozialismus öffnete sich für Kritiker der vorherrschenden Kultur ein weltanschauliches Vakuum, das ihre wachsende Unzufriedenheit über den agnostischen Liberalismus und den zynischen Finanzmarkt-Kapitalismus ins Leere laufen ließ. Doch wer hätte noch in den 1960er oder 1970er Jahren ernsthaft damit gerechnet, dass es gerade der in der arabischen Welt längst angezählte Islam sein würde, der militanten Gegnern der Moderne Stoff für ihre schauerlichen Träume liefern würde? 

Die Geburtshelfer des modernen Islamismus sind denn auch keine gläubigen Muslime gewesen. Es sind auf beiden Seiten jener kulturellen Grenze, die "den Orient" und "den Westen" zu trennen scheint, säkulare beziehungsweise pseudoreligiöse Politiker gewesen. Das Wiedererstarken der Religion in den arabischen Staaten geht größtenteils auf das Konto jener nominell linker, religionsferner Diktatoren, die ihre Gegner dank einer barbarischen Herrschaftsausübung massenweise in die Hände der religiösen Opposition trieben. Das Feuer an die Lunte des politischen Islamismus im Westen aber legte George W. Bush mit seinem zutiefst undemokratischen und von Willkür und Folter begleiteten "Kreuzzug gegen den Terror". Wer von nun an medienwirksam gegen "den Westen" opponieren wollte, tat dies als Islamist.