Am Tag nach dem Anschlag stand Fadi im ausgebrannten Klassenzimmer und starrte auf den Aschehaufen zu seinen Füßen. Die Täter hatten die Bücher und Hefte der Erstklässler aufeinander gestapelt, mit Benzin überschüttet und angezündet. An den Wänden prangten noch ihre Botschaften: "Tod den Arabern" und "Keine Koexistenz mit dem Krebs". Als Fadi die verkohlten arabischen und hebräischen Buchseiten sah, dachte er: Das hier gehört nicht in unsere Welt. 

Fadi, ein arabischer Israeli, ist vor einem Jahr mit seiner Familie von Haifa nach Jerusalem gezogen. Sein Sohn besucht hier die Max-Rayne-Hand-in-Hand-Schule für jüdisch-arabische Erziehung, eine der berühmtesten Lehreinrichtungen Israels. An diesem Nachmittag ist Fadi gemeinsam mit den anderen Eltern, Lehrern und Kindern auf den weitläufigen Campus im Süden Jerusalems gekommen. Sie wollen arabische und jüdische Lieder singen, tanzen, herumalbern. Ihre Botschaft lautet: Ihr könnt uns attackieren. Auseinanderbringen könnt ihr uns nicht.

Die 1998 gegründete Hand-in-Hand-Schule, die einzige bilinguale Schule Jerusalems, gilt als Paradebeispiel des respektvollen Miteinanders. Sie liegt zwischen dem jüdischen Viertel Pat und dem arabischen Bezirk Beit Safafa, direkt an der Grünen Linie. 620 Schüler werden hier bis zur 12. Klasse von jüdischen und palästinensischen Lehrern auf Hebräisch und Arabisch unterrichtet, die Jüngsten besuchen den Kindergarten. Die Bücher sind auf Arabisch und Hebräisch, zusätzlich zum regulären Lehrplan werden etwa die Feiertage im Islam, Juden- und Christentum erläutert, Fragen nach Herkunft und Traditionen diskutiert. Die Hand-in-Hand-Schule ist mehr als ein Ort des Lernens. Sie ist ein revolutionäres Bollwerk inmitten einer explosiven Umgebung, die seit Israels Staatsgründung 1948 kaum mehr kennt als Krieg, Vergeltung und Vorurteile.

Wie immens die Herausforderungen der Einrichtung sind, zeigt die Brandstiftung Ende November, verübt von Aktivisten der rechtsradikalen jüdischen Lehava-Organisation. Die israelische Gesellschaft ist gespalten. Juden und Araber leben meist in abgeschotteten Welten: Sie wohnen in verschiedenen Bezirken, schicken ihre Kinder auf getrennte Schulen, kaufen in unterschiedlichen Läden ein. Teile der Bevölkerung versuchen, jede Bemühung um Kooperation zu unterwandern. Etliche Friedensprojekte haben unter den zunehmenden Spannungen aufgegeben. Aber nicht alle. Es gibt noch immer eine Front von Zuversichtlichen, die sich um eine Aussöhnung zwischen beiden Völkern bemüht.

Ein weiteres Beispiel ist Micah Hendler und der Jerusalem Youth Chorus, ein Gesangsensemble für Oberstufenschüler aus West- und Ostjerusalem. Vor zwei Jahren gründete der Yale-Absolvent aus Maryland den Chor. Ein Sänger kommt sogar aus dem Westjordanland, aus Ramallah, hinter der von Israel errichteten Sperrmauer, ein anderer aus der jüdischen Siedlung Efrat. Jeden Montag treffen sich die 43 Palästinenser und Israelis für dreieinhalb Stunden in der Jerusalemer Altstadt, gegenüber vom legendären King David Hotel, seit der Erbauung 1931 Schauplatz politischer Großentscheidungen. Sie singen auf Arabisch, Hebräisch und Englisch über Gemeinschaft, Verlust und Heimat, drehen Musikvideos für YouTube, schreiben gemeinsam an Songs und hören einander zu. 

Nach jeder Probe erzählen die Chorteilnehmer in Gruppen und im Beisein von Betreuern von ihrem Alltag, von Hemmnissen und Hoffnungen. "Viele Sänger reden sehr offen mit ihren Freunden über den Chor. Sie sind stolz darauf und vermitteln das auch zu Hause", sagt Hendler, 25 Jahre, ein amerikanischer Jude, der seine Sommer in dem palästinensischen-israelischen Friedenscamp Seeds of Peace, verbrachte, bevor er sich entschloss, nach Jerusalem zu ziehen. Anfangs klapperte er sämtliche Schulen ab, stellte sich vor Klassen, warb unaufhörlich für seinen Chor. Einige Schulen verweigerten sich, doch bald fand er immer mehr Interessenten. Auch deshalb, wie er sagt, weil er die Konfliktlinien kennt und sein Projekt auf Arabisch und Hebräisch vorstellen konnte.

Mittlerweile hat Hendlers Jerusalem Youth Chorus deutlich mehr Bewerber als Plätze. Und eine immer größere Reichweite: Im Sommer tourten die Sänger in Japan, gerade kehren sie aus England zurück, wo sie in der BBC-Sendung Newsnight auftraten und Songs mit Miel de Botton, Schwester des Schriftstellers Alain de Botton, und der Band Duran Duran einspielten. "Der Chor gibt den Sängern das Gefühl, eine Gemeinschaft zu sein", sagt Hendler.