Muss man sich Sorgen machen, oder darf man lachen? Diese Frage stellt sich an diesem Abend in Leipzig immer wieder. Und bis zum Ende gibt es Antworten darauf, die sich leider widersprechen.

Es ist das zweite Mal in Leipzig. 4.800 Menschen waren in der vergangenen Woche zur ersten Demo des Pegida-Ablegers Legida erschienen. Das war nicht wenig, bedeutender aber war noch, dass sie sich weit radikaler aufführten als Pegida. Auf der anderen Seite stellten sich ihnen 35.000 Gegendemonstranten in den Weg. Die Frage war offengeblieben, ob Leipzig wie Dresden ein Zentrum der neuen Islamgegner werden würde.

Geht man nach der politischen Mathematik, die in den vergangenen Wochen um die vielen Gida-Demos populär geworden ist, kann man sich nach dem gestrigen Mittwoch Sorgen machen: Es sind zwar nicht 60.000 Legida-Anhänger, wie Organisator Jörg Hoyer vorher angekündigt hatte. Doch aus den 4.800 sind 15.000 geworden, die Zahl der Gegendemonstranten ist auf 20.000 geschmolzen. Das allein reicht aber nicht, um diesen Abend zu erklären.

Legida hat sich den Augustusplatz für den Aufmarsch ausgesucht, einen Ort, der Ausgangspunkt für die legendären Montagsdemonstrationen im Herbst 1989 war. Anders als damals stehen aber in den Seitengassen dieses Mal nicht Stasi-Leute, sondern Tausende Gegendemonstranten, die gegen Legida brüllen, pfeifen und singen. 

Kaum Reden über den Islam

Die Legida-Organisatoren haben als wichtigsten Redner des Abends Jürgen Elsässer gewonnen, den Star der Gegenöffentlichkeit, einen Mann, der nahezu überall ist, wo am System gezweifelt wird. In letzter Zeit sieht man ihn als einen der Anführer der Putin-Sympathisanten des Friedenswinter-Milieus, kurz davor noch predigte er vor Leuten, die fürchten, Kinder würden an Schulen zur Homosexualität erzogen. Elsässer versucht, was er kann, um das Publikum anzuheizen. Er polemisiert gegen die Ausgrenzung der Legida-Demonstranten, fordert bundesweite Volksabstimmungen wie in der Schweiz und lenkt damit zu seinem wichtigsten Thema über, dem Kampf gegen die globale Vorherrschaft der USA.

Doch der fliegende Populist Elsässer schafft es nicht, das Publikum zu euphorisieren, wie es letzte Woche geschah. Ist die Behauptung zu absurd, die CIA und Al-Kaida hätten sich im Kampf gegen Syriens Präsident Assad verbrüdert? Oder wird es hier einfach nicht gern gehört, wenn Elsässer sagt, die übergroße Mehrheit der Muslime in Deutschland seien fleißige und anständige Leute?

Überhaupt: Es geht vielen Rednern heute kaum um den Islam. Nichts ist zu hören von Parallelgesellschaften, vom Neukölln Heinz Buschkowskys, wenig von islamistischen Terroristen. Irgendwann wirft Legida-Organisator Jörg Hoyer sogar diese Sätze in die Menge: "Die allermeisten Muslime sind prächtige Menschen. Nur Skat spielen können sie nicht, aber das bringen wir ihnen auch noch bei." Was ist da geschehen? Haben die Organisatoren Angst vor islamistischen Drohungen, wie sie Bachmann erlebte? Oder sucht nun auch Legida nach einem Weg in die Mitte?

"Komm zum Punkt, Mensch!"

Jedenfalls wirft die Abwesenheit des Feindbildes Islam sofort die Frage auf, wodurch es ersetzt werden soll. Gut, da ist der Hass gegen die angeblich Herrschenden in Presse und Politik. Nur braucht dieser Hass einen politischen Hintergrund und eine Handlungsaufforderung. Anders gesagt: Wenn Politik und Presse nicht mehr die Islamisierung des Abendlandes verursacht haben, was haben sie dann so Schreckliches getan?

Die Redner geben unterschiedliche, teils konfuse Antworten. Einer erzählt lange von seiner Schulzeit und seinem Unwillen, sich unterzuordnen. Als dann einer aus der ansonsten schweigenden Menge brüllt: "Komm zum Punkt, Mensch!", da beginnt er von seiner Vision eines Deutschland zu schwärmen, in dem es bindende Volksabstimmungen gibt. Nun gut, das könnte auch, sagen wir, von Jürgen Trittin kommen. Die Menge applaudiert lau.

Es gibt gute Gründe, zu glauben, dass der Niedergang der Pegida-Bewegung spätestens hier, an diesem Leipziger Abend, begonnen hat. Nicht nur wegen der inhaltlichen Konfusion. Nicht nur wegen des Rückzugs des Dresdener Pegida-Gründers Lutz Bachmann. Sondern auch, weil die Pegida-Ableger in den verschiedenen Städten inzwischen heillos zerstritten sind.

Streit mit Pegida-Organisatoren

Noch am Montag hatte Bachmann alle Dresdener Pegida-Demonstranten dazu aufgerufen, die Leipziger Demo zu besuchen – gleichzeitig aber gefordert, Legida müsse sein eigenes, radikaleres Forderungspapier aufgeben und das moderater formulierte Papier der Dresdener Pegida übernehmen. Dazu gehört auch, dass Legida die in Nazikreisen populäre Forderung nach einer Abschaffung des "Kriegsschuldkultes" streicht.

Die Legida-Organisatoren verweigerten jedoch die Unterschrift. Kurz vor Beginn der Leipziger Kundgebung verschickte die Pegida-Spitze in Dresden deshalb eine Pressemitteilung: "Alles, was heute Abend in Leipzig gesagt und gefordert wird, ist nicht mit uns abgesprochen", lässt sich Kathrin Oertel, die Sprecherin von Pegida, zitieren. Man prüfe eine Unterlassungsklage. Im Klartext: Pegida verbittet sich, dass Legida sich weiterhin als Pegida-Ableger bezeichnet.

Hoyer bringt das auf die Palme. "Das, was Oertel, Bachmann und die anderen da tun, ist in keinster Weise demokratisch!", schimpft er am Rande der Leipziger Kundgebung. "Die meinen, sie könnten uns vorschreiben, was wir zu tun und zu lassen haben. Aber wir sind unsere eigene Bewegung."