Es war ein besonderes Bild am Dienstagabend in Berlin: Joachim Gauck, Angela Merkel, viele Mitglieder der Regierung, Vertreter muslimischer Verbände und Gemeinden sowie christlicher Kirchen und des Judentums standen gemeinsam auf einer Bühne vor dem Brandenburger Tor. Erstmals kamen die wichtigsten politischen Persönlichkeiten des Staates und Muslime, Christen und Juden zusammen, um gegen Terror und Gewalt im Namen Gottes und für Meinungsfreiheit und gegen Islamfeindlichkeit zu demonstrieren.

Doch ganz so friedlich ging es hinter den Kulissen nicht zu, zumindest nicht zwischen den Vertretern der vier muslimischen Verbände, die sich vor acht Jahren zum Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zusammengeschlossen hatten, um einen Ansprechpartner für die Politik zu bilden und in der Öffentlichkeit gemeinsam aufzutreten. Funktionäre der Türkisch Islamischen Union (Ditib) und der anderen beiden Verbände, Islamrat (IR) und Verband der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), waren und sind verstimmt. Ursprünglich war sogar umstritten, ob sie an der Veranstaltung überhaupt teilnehmen, die von der Initiative eines Mannes vom Zentralrat der Muslime (ZMD) ausging und mit Unterstützung der Türkischen Gemeinde zu Berlin organisiert wurde.

Aiman Mazyek heißt dieser Mann, auf den die Funktionäre anderer muslimischer Verbände seit Längerem nicht nur gut zu sprechen sind. Der 45-jährige Medienberater Mazyek ist in den Medien präsent wie kaum ein anderer Verbandsvertreter, obwohl er "zahlenmäßig den kleinsten Verband" vertritt, wie es ein Funktionär, der anonym bleiben will, beschreibt. 

In Deutschland gibt es etwa 3.000 Moscheegemeinden, von denen viele als eingetragene Vereine in Verbänden organisiert sind. Der Türkisch Islamischen Union (Ditib) haben sich beispielsweise 900 Moscheegemeinden angeschlossen. Im Islamrat sind 450 Moscheegemeinden vereint. Mazyeks Zentralrat der Muslime sollen nach eigener Angabe 300 Moscheevereine angehören. Diese Zahl wird allerdings von den anderen Verbänden angezweifelt.

In Anbetracht von Attentaten, die im Namen des Islams verübt werden, und der Anfeindungen, denen Muslime ausgesetzt sind, ist es gewiss kein guter Zeitpunkt, Konkurrenzkämpfe innerhalb einer Religionsgemeinschaft öffentlich auszutragen. Einige Verbandsvertreter wollen das auch gar nicht und es ist ihnen nicht recht, dass über den neuerliche Zwiespalt berichtet wird. Aber dass Mazyek gerade in dieser angespannten Situation "sein eigenes Ding" durchzieht, anstatt auf einen gemeinsamen Appell hinzuarbeiten, das ärgert sie. 

Wer am öffentlichkeitswirksamen Schulterschluss, an der Demonstration der Gemeinsamkeit interessiert ist, der hätte nach den Anschlägen in Paris auch anders handeln und eine gemeinsame Aktion im Namen des Koordinationsrates der Muslime (KRM) ins Leben rufen können. Mazyek tat das nicht. Der "Alleingang des selbst ernannten Ober-Moslems", so ein Vertreter aus den muslimischen Gemeinden, sei nicht nachvollziehbar, zumal im Koordinierungsrat der Muslime bereits Gespräche über eine mögliche gemeinsame Aktion geführt worden seien. Wie einer der Verbandsvertreter berichtet, habe Mazyek kein Interesse gezeigt, eine Veranstaltung im Namen des KRM auszurichten, auch sei er später nicht auf den Vorschlag eingegangen, dass auf der von ihm organisierten Kundgebung Erol Pürlü als KRM-Sprecher eine Rede hält. Hinter Mazyeks Handeln vermuten Funktionäre deshalb persönliche Motive. Er möge öffentlich wirksame Auftritte, heißt es. Manche bewerten die Kundgebung am Dienstagabend als "Selbstdarstellungsshow" eines Mannes, den die Politik hofiert.

Der Streit ist symptomatisch für die Situation der vier muslimischen Verbände, die seit Jahren miteinander konkurrieren – um mediale Präsenz, öffentliche Wahrnehmung und politisches Gewicht. Dass am Dienstagabend wieder einmal Mazyek im Mittelpunkt stand und Seite an Seite mit Bundespräsident und Kanzlerin die Ikonografie der Trauer bestimmte, hätten die Verbandsvertreter wohl gelassener hingenommen, wenn es das Größenverhältnis der muslimischen Gemeinden widerspiegeln würde, für die Mazyek ihrer Ansicht nach steht. Und wenn die Medien die übrigen drei Verbände sonst nicht so "stiefmütterlich" behandeln würden.