Louise Magnichever ist ständig am Telefon, alles ist gerade ein bisschen durcheinander in ihrer Buchhandlung. Ihr 20-jähriger Enkelsohn hätte aus Straßburg anreisen sollen um bei der Inventur zu helfen, er ist nicht gekommen. "Omi, ich traue mich gerade nicht nach Paris", hat er in einer kurzen E-Mail geschrieben. Eine ihrer Töchter, die an der Kasse steht, will schnell nach Hause, die Tochter ist krank. Einer ihrer Söhne kommt zur Tür herein und ist genervt vom Medienrummel draußen auf der Straße.

Der Anschlag auf den koscheren Supermarkt im Osten von Paris hat das Leben im jüdischen Viertel verändert. Die Juden sind aufgebracht und ängstlich. Seit Montagmorgen wachen Soldaten vor Synagogen und jüdischen Schulen, ihre Maschinengewehre schussbereit im Arm. Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat die Juden aufgerufen, Frankreich zu verlassen.

In der Buchhandlung Librairie du Temple ist es eng zwischen den ganzen Büchern, fast alle haben einen inhaltlichen Bezug zum Judentum. Ein Regal an der Wand ist voller siebenarmiger Kerzenleuchter, aus einer Schublade zieht Louise Magnichever eine schwarze Samtkippa und verkauft sie einem Kunden. Ein britisches Touristenpaar betritt den Laden und fragt nach dem Preis von einem der Bilder an der Wand. Die beiden bedanken sich höflich und schauen sich noch ein wenig um.

Louise Magnichever führt die Buchhandlung seit 20 Jahren. Sie ist in Frankreich geboren, hat neun Kinder zur Welt gebracht und leitete vor der Buchhandlung eine kleine jüdische Schule im Viertel. "Frankreich ist mein Heimatland, Französisch die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann", sagt sie. Aber jetzt, wenige Monate vor ihrem 70. Geburtstag, ist sie nicht sicher, ob sie in diesem Land bleiben kann.

"Der Antisemitismus in Frankreich nimmt zu"

"Die Zukunft meiner Enkelkinder liegt nicht mehr in Frankreich, glaube ich." Nicht, weil Netanjahu dazu aufgerufen habe. Sondern weil sie sich seit Jahren nicht mehr sicher fühle. Seit dem Anschlag von Freitag noch weniger. "Der Antisemitismus in Frankreich nimmt zu." Ihre Tochter sei in Straßburg in der Innenstadt beim Einkaufen als sale juive, als dreckige Jüdin, beschimpft worden.

Ganz aufgebracht ist auch der Bäcker Mickael Mursiano. "Wir sind verloren! Unser Leben ist bedroht, wie sollen wir unter diesen Umständen einen normalen Alltag leben?" Er geht zurück ins Hinterzimmer, dort wartet seine Frau. Sie beraten, wie es weitergehen soll. Ein Kunde lächelt und sagt, "er nimmt es besonders schwer. Aber wissen Sie, es hat uns alle sehr getroffen".